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In einem Vortrage, gehalten in der Rylands Library im

Dezember 1914, beklagte Prof. R. S. Conway 1), der bekannte Vergilforscher, die Schwierigkeiten, die sich dem Verständnis der Vergilschen Eklogen noch immer entgegenstellen. Er sagte: „Wir kennen nicht einmal die Männer, die Vergil in einigen seiner Jugendgedichte als mit ihm redend oder wettstreitend darstellt." Im folgenden wies er darauf hin, daß Franz Skutsch) einen ganz neuen Weg für das Studium der Eklogen erschlossen habe, indem er zum erstenmal die beiden schwierigsten, 6 und 10, und auch 8 sinnvoll erklärte. Kataloggedichte nannte sie Skutsch, Exzerpte, und verglich sie mit Goethes Maskenzügen 3). Das Verzweifeln Conway's daran, daß das Rätsel der Eklogen je gelöst werden könne, ist nicht berechtigt; es gelang bisher nicht, weil der neue Weg, den Skutsch gewiesen hat, nicht weiter eingeschlagen wurde. Ich versuche einige Schritte vorwärts zu kommen, aufmerksam darauf geworden, daß mangelhafte, ja unnatürliche Interpretation sachlich ausschlaggebender Wörter in die Irre führte und das Verständnis der Eklogen hinderte. Die Begriffe der drei Wörter ecloga, deducere und facetum sind vor allem festzustellen, um das Rätsel zu lösen.

Was ist eine Ekloge? Man hat gemeint, Eklogen seien ausgewählte kleine Gedichte bukolischen Inhaltes. Das ist eine aufgezwungene Deutung, die sprachlich keine Berechtigung hat und unlogisch ist. Eine Ekloge ist ihrer sprachlichen Ableitung nach eine Auslese, ein Auszug aus irgend einem Werke. Es ergeben sich daraus wörtliche Übereinstimmungen. Exzerpte, sagte Franz Skutsch, seien Ekloge 6 und 10 in der Art der Goetheschen Maskenzüge. Er hat für die ange

1) New Studies of a great inheritance. London 1921.
2) Aus Vergils Frühzeit I, 1 ff.

3) Ebenda S. 50.

Printed in Germany.

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führten Eklogen die richtige Bezeichnung getroffen, die jede einzelne der andern auch verdient.

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Wer eine Ekloge ein ausgewähltes Gedicht" nennt, verwechselt auswählend und ausgewählt, Aktiv und Passiv; man könnte jede eine Auswahl nennen, wenn nicht „Auslese“ schärfer den Sinn träfe, da, wie gesagt, die wörtlichen Entlehnungen darin begründet sind. Von einer „Auswahl“ spricht der feinsinnige Voß1): „Eklogen, das ist eine verbesserte Auswahl zerstreut herausgegebener Idyllen.“ Dann wäre aber die ganze Sammlung eine einzige Ekloge, nicht jedes einzelne der Gedichte.

Meine Deutung, an und für sich selber verständlich, muß irgend welche Stütze in den bukolischen Dichtungen Vergils haben. Wir finden tatsächlich eine annähernd genaue Wiedergabe des Wortes Ekloge in dem vielumstrittenen deductum carmen der 6. Ekloge. Den Dichter, der reges et proelia singt, zupft Cynthius am Ohre, ihn ermahnend, daß er ein deductum carmen sage. Darauf erfolgt die Zusammenstellung einer großen Anzahl von Motiven, von denen nachweislich mehrere von Cornelius Gallus stammen. Es liegt auf der Hand, daß die Ekloge ein deductum carmen genannt ist, weil Vergil die Dichtungen aus denen anderer ableitete. Deducere heißt im eigentlichen Sinne ableiten; nicht der mindeste Grund ist vorhanden, diesen Sinn fortzudeuten, wie es so oft geschehen ist. Ein deductum carmen ist nicht ein leises Gedicht im Verhältnis zu dem lauttönenden über Könige und Kämpfe, sondern ein abgeleitetes, zusammengestelltes. Zur Stütze dieser Auffassung dient die Horazstelle): „Aeolium carmen ad Italos deduxisse modos." „Musas in patriam deducere“ heißt griechische Dichtung nach Rom leiten, verpflanzen.

Um den Begriff des deductum carmen ganz scharf zu erfassen, bedarf es aber noch weiterer Überlegung.

Voß, dessen Ansichten immer beachtenswert sind, auch wenn er irrt, leitet es nach Servius' Vorgang vom Spinnen ab und nennt es ein schwachdrähtiges" Lied3). Die Folgerung ist falsch, aber ein Zusammenhang mit Spinnen ist zweifellos.

1) Ländliche Gedichte, Altona 1797, Bd. 1 S. 291.

2) Od. III, 30, 14. 15.

3) Ländliche Gedichte, Altona 1797, Bd. 1 S. 291.

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Die Parzen sangen und webten die Geschicke der Menschen. „Talia saecla" suis dixerunt „currite" fusis-concordes stabili fatorum numine Parcae 1). „Hunc cecinere diem Parcae fatalia nentes stamina 2). Helena ist berühmt wegen ihres Gesanges und ihres Webens, das als Gegenstand des Rufes natürlich Bildweberei ist (Theokrit XVIII). Die 'Adwnátovcal (Theokrit XV) haben als Glanzstück ihres Festes einen Teppich, der das Los des Adonis darstellt. Singen und Weben wurden oft synonym gebraucht. Das Argumentum eines Liedes wurde eingewebt: „in tela deducitur argumentum". Ein deductum carmen ist also ein Lied, das aus den Schöpfungen eines Dichters oder mehrerer abgeleitet und zusammengewebt ist. Daß es ein „schwachdrähtiges" Lied sei, ist gänzlich unbegründet. Verursacht ist diese Deutung durch das selten vorkommende deducta voce, das auch einen andern Sinn hat, als mit leiser Stimme". Cynthia liest beim Becher Properz seine carmina deducta voce vor. Man übersetzte mit „leiser Stimme". Warum dies? Schüchtern ist Cynthia nicht, und die Weinlaune pflegt die Stimme nicht zu dämpfen. Nein, Cynthia liest an eines anderen Stelle; nicht ihre eigenen Erlebnisse und Gefühle drückt das carmen aus, sondern die des Properz, oder wer sonst der Held des carmen ist. Sie redet „ex persona“ eines anderen, wie Maecenas bei einem Gastmahl „ex persona Messallae de vino loqueretur" 3). Der Belege in der römischen Poesie gibt es viele. Properz allein liefert eine stattliche Anzahl. Ich werde auf einige derselben später eingehen.

Ebensowenig wie bei Properz bezeichnet das deducta voce des unter dem Namen des Cornificius überlieferten Verses deducta mihi voce garrienti" mit leiser Stimme, sondern gerade in der Bedeutung mit entlehnter, fremder, verstellter Stimme" verdient es unter die ludicra gestellt zu werden.

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Einen schlagenden Beweis für die Richtigkeit meiner Auffassung von „deducta vox" liefert die „deducta oratio" Quintilians (IV, 1, 60). Quintilian warnt davor, daß im prooemium die oratio immer deducta atque circumlita" sei, gibt der einfachen kunstlosen Art den Vorzug vor der, die „verbis

1) Ekloge IV, 46/47. 2) Tibull I, 7, 1. 3) Serv. Aen. S, 310.

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