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bedarf kaum des besonderen Hinweises, daß um sie der Schulkampf heftig entbrannte. Klarer noch erkennen wir diesen Kampf inbetreff aller Besonderungen, die aus jenen hervorgehen. Denn es liegt im Begriff der Prinzipien als solcher, daß schlechthin alle Vorgänge in Natur- und Menschendasein durch sie bestimmt sind. fast durchgängiger Gegensatz in der Erklärung der Thatsachen mußte die Folge sein. Dieser findet auch allgemein in der Methode der Erklärung selbst statt. Die Stoiker liebten es, die Erklärung der Thatsachen auf ihre Qualitäten zurückzuführen, A. dagegen auf Größenverhältnisse, also Quantitäten, wobei er sicher oft viel zu weit ging. Diese Bevorzugung der Kategorie der Quantität beruht wohl sicher auf seiner durch seinen Anschluß an Empedokles mitbedingten Lehre von den Mischungsverhältnissen der Elemente. Wir geben nun auch hier im Gebiet der Erklärung der Thatsachen einen kurzen, orientierenden Überblick.

Es war der Kampf gegen die stoische Pneumalehre und deren Verwertung in der Erklärung der Naturthatsachen, der den A. mitveranlaßte, die teilweise Diskontinuierlichkeit des Pneumas zu lehren und die Kontinuierlichkeit zugleich auf das Wasser zu übertragen. Die Erscheinungen des Fixsternhimmels und der Planeten waren nun durch die Fernwirkung des kontinuierlichen Wassers nicht erklärbar. Deshalb bemühte sich A., zu zeigen, daß die Himmelserscheinungen in manchen Erdstrichen nicht vollständig stetig seien, und diesen Thatbestand dadurch zu erklären, daß die Elemente des Wassers und des Feuers anormal über ihnen verteilt seien, z. B. über dem ostafrikanischen Seengebiet. Diese Annahme der anormalen Verteilung der Elemente führte ihn zu der Annahme von Ringen (z. B. Pneumaringen) und Maxima und Minima des Pneumas, des Feuers, des Wassers u. s. w. Damit verband sich dann leicht die Annahme der Herrschaft der Liebe" in den gemäßigten und des „Hasses" in den kalten Zonen. Aus dem Zusammenwirken der verschiedenen Maxima und Minima und den normalen Verteilungen der Elemente ließ er die verschiedene Gestaltung der Erdoberfläche und der in den verschiedenen Gegenden stattfindenden Phänomene bedingt sein. So erklärte sich nicht nur die allgemeine Verteilung des Landes nach den verschiedenen Himmelsrichtungen er setzte mit seiner Schule den Südpunkt des Landes in Asien 10° südlicher als die Südspitze Afrikas, was die Stoiker

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zur Bestimmung des nördlichsten Punktes der Erde antrieb sondern auch die physische Beschaffenheit der verschiedenen Gegenden und die Verschiedenheit ihres Klimas und ihre meteorologischen Phänomene. Ein spezielles, geologisch-mineralogisches Problem bildete hierbei das Entstehen der Anomalien im Marmor sowie das der Edelsteine und Krystalle mit ihren verschiedenartigen Farbenerscheinungen, ihrem Dichroismus, Polychroismus und Asterismus. Die Antwort kann natürlich nur den obigen Prinzipien gemäß sein. Als die irdische Luft noch nicht vorhanden war, bildete das mit dem Feuer der Sonne vereinigte Pneuma aus reinem Wasser Edelsteine oder Krystalle. Ihre bunte Färbung wurde durch die Ausstrahlung des in der irdischen Sphäre zurückgebliebenen - Pneumas hervorgerufen, während gewisse Edelsteine allerdings schon durch die Sonne ihre goldgelbe Farbe erhalten sollten. Die physikalische Geographie der Gegner ließ er mit bestimmten Einschränkungen für die Tiergeographie gelten; in der Ozeanfrage jedoch verhielt er sich gegen sie ablehnend. Das Entstehen der Nilschwelle wie überhaupt das der Flüsse, inbetreff deren Posidonius später die Grundwassertheorie aufstellte, führte A. vorzugsweise auf die Wirkung des diskontinuierlichen Pneumas zurück.

Der antiken Anschauung gemäß betrachtet A. den Menschen lediglich als einen Teil des Kosmos; er muß daher aus denselben Grundbestandteilen zusammengesetzt sein wie dieser, wie schon oben gezeigt ist. So müssen auch sämtliche Lebensvorgänge auf gleiche Weise, d. h. aus dem gegenseitigen Wirken der Prinzipien, erklärt werden. Das geschieht denn auch, wobei sich A. wesentlich an die Physiologie des Herophilus anschließt. Diese Erklärungsweise dehnt er auch auf die Erscheinung des Traumlebens aus, wobei er jedoch in der Bewertung in gewisser Weise von dem berühmten Mediziner abwich.

Natürlich mußte sich seine philosophische Auffassung auch in seiner Geschichtsschreibung mehrfach geltend machen, wie das Gleiche auch bei den Gegnern der Fall war. Dies sehen wir nicht nur in seiner Geschichte der Saken-Skythen, sondern überall, besonders aber in seiner Auffassung der Äthiopen und Ägypter. Wie einerseits die Skythen und andererseits die Römer für die Geschichtsphilosophie der Stoiker und des stoisierenden Polybius typisch sind, so sind es jene für A. Die Geschichtsphilosophie, die

er von diesen Völkern abstrahiert, steht daher im Gegensatz zu der stoischen. A. läßt sich nicht vom anfänglichen Herdenleben aus das Königtum entwickeln, sondern läßt auf die ursprüngliche Götterherrschaft die Herrschaft der Priester folgen. Er faßt ferner als erste Form des Königtums nicht die Erbmonarchie, sondern die Wahlmonarchie. Er bestreitet die Theorie vom Kreislauf der Verfassungen. Die Aristokratie und Demokratie erkennt er nur für gewisse Zeiten und Völker der Erde als berechtigt an, z. B. damals für gewisse Gegenden Indiens, in denen die Kasten fortbestanden.

Diese Vorliebe für Ägypten und die Umgegend war schließlich auch bestimmend für seine geschichtliche Religionsphilosophie. Gegen die allegorisierende Mythendeutung der Stoiker, die den Götterglauben nicht psychologisch, sondern zumeist naturwissenschaftlich erklärten, betonte er den psychologischen Ursprung des Götterglaubens und ließ ihn, wie zugleich damit. die Verehrung der Götter, aus Ägypten bezw. seiner Umgegend entstanden und verbreitet sein. Gleichwohl suchte er die zu mager scheinende ägyptische Theologie durch Zusätze aus der griechischen Philosophie und dem Buddhismus zu bereichern.

A. ist nach allem kein sehr hervorragender, aber ein anregender Denker seiner Zeit gewesen, der kräftig die Lehre des Peripatos gegen die Stoa und die Skepsis zu vertreten wußte. Dadurch hat er auch für die Folgezeit seine Wirkung und Bedeutung, die Verf. etwas zu überschätzen scheint. Seinen Kampf gegen die Stoa deckt uns Verf. in der vorliegenden Arbeit auf, und sind auch nicht alle Kombinationen gleich beweiskräftig, was er auch selbst angiebt, so sind sie doch stets wert, berücksichtigt zu werden. Die Arbeit liefert uns eine erfreuliche Bereicherung unserer Kenntnis des geistigen Lebens jener Zeit. Ihren zweiten Teil, den Kampf des A. gegen die Akademie, haben wir noch zu erwarten.

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Erwin Rohde, Der griechische Roman und seine Vorläufer. Zweite durch Zusätze dem Handexemplar des Verfassers und durch den Vortrag über griechische Novellistik vermehrte Auflage. Leipzig 1900, Breitkopf und Härtel. XIX, 611 S. 8. 14 M.

Bei Rohdes berühmtem Standard Work habe ich mich, so oft ich es zitiert fand, des Eindrucks nimmer erwehren können, daß es zu denjenigen Büchern gehört, die mehr gelobt als gelesen worden sind. Nur dadurch scheint es mir erklärlich, daß es fast 25 Jahre gedauert hat, bis sich das Bedürfnis nach einer neuen Auflage einstellte. Darf da ein Referent noch die Kühnheit haben, den Inhalt des Werkes als bekannt vorauszusetzen? Wir wenigstens wagen es nicht, fordern vielmehr nachdrücklich dazu auf, dasselbe von Anfang bis zu Ende durchzulesen oder gründlich durchzuarbeiten. Schon oberflächliche Lektüre kommt dabei auf ihre Kosten. Was Rohde hier schreibt, ist geradezu Poesie; eine Reihe der feinsinnigsten Beobachtungen durchzieht das Ganze. Um von dem Werte für Philologen gar nicht zu reden: jeder, der sich auf irgend einem Gebiete der Weltlitteratur, als Kulturhistoriker u. dgl. beschäftigt, wird für seine eigenen Studienzwecke mehr als etwas finden; besonders werden die Orientalisten imstande sein, zahlreiche Anklänge an indische, arabische u. a. Erzählungen in dem von R. gesammelten Stoffe nachzuweisen, daraus Anregungen zum Weiterforschen und zur Ergänzung des Gesamtbildes zu schöpfen. Daß R. bis auf Boccaccio hinabgeht, mag nur nebenbei erwähnt werden.

Mit dieser zweiten, von Fritz Schöll besorgten Ausgabe ist es nun eine eigene Sache. So erwünscht und notwendig auch eine Umarbeitung in einzelnen Teilen und vor allem eine selbständige Ergänzung des Materials durch neue Funde und eingehende Berücksichtigung der später hinzugekommenen Litteratur gewesen wäre, es hat nicht sein sollen; es ist dasselbe Buch wie früher geblieben, also ein echter Rohde. Denn die vielen, wenn auch recht knappen Zusätze, die Schöll gewissenhaft nachgetragen hat, bieten nur neue Zitate; was Rohde sich dabei gedacht hat, erfahren wir sehr selten und dann allerdings in recht kräftigen Ausdrücken, leider ohne eingehendere Begründung seiner Ansicht oder sachlicher Widerlegung abweichender. Schwerlich hat sich Sch. den Mut zugetraut, eine selbständige Umarbeitung oder Einarbeitung des Neuen vorzunehmen, wie es

R. sicher gethan hätte, ohne die Grundzüge seines Werkes zu verändern, mochte sich wohl auch nicht für kompetent genug halten, auf dem Gesamtgebiete des griechischen Romans ein eigenes Wort mitzusprechen. Der einzige, den Ref. für berufen halten möchte, wenigstens über die Vorläufer des Romans in der Alexandrinerzeit uns etwas Selbständiges und Neues mitzuteilen, dem R. selbst seinerzeit (S. 10) eindringliche Sorgfalt und genaueste Kenntnis nachgerühmt hat, Carl Dilthey, scheint sich seitdem anderen Forschungen zugewandt zu haben. Dessen Buch „De Callimachi Cydippa" (1863 erschienen und noch nicht überholt oder veraltet!), ein Muster methodischer Darlegung, ist es gewesen, in dem, nach Rohdes eigenen Worten (S. 145 bezw. 154), zum ersten Male die vielfältigen Übereinstimmungen älterer und jüngerer Erotiker, wie sie auch ältere Gelehrte in umfänglichen Sammlungen von „Parallelstellen" hervorgehoben hatten, unter den richtigen und einzig fruchtbringenden Gesichtspunkt gerückt worden sind,

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welchem dergleichen Übereinstimmungen einen thatsächlichen historischen Zusammenhang der Technik erotischer Schilderung bei hellenistischen Poeten und den Dichtern der prosaischen Liebesromane erkennen lassen. Daß weder von solcher Seite, noch von Rohde selbst zu seinen Lebzeiten der griechische Roman von neuem bearbeitet worden ist, ist zu bedauern, läßt sich aber nicht mehr ändern. Nehmen wir also das Gebotene mit Dank an! Die Revision des Textes ist so korrekt ausgefallen, daß Ref. nur einen einzigen Druckfehler (S. 84 Anm. Z. 15 v. u.) nachzuweisen vermag. Die Seitenzahlen der ersten Ausgabe sind, wie billig, am Rande hinzugefügt, das Register verstärkt worden. Der anhangsweise (S. 578 ff.) abgedruckte Vortrag „Über griechische Novellendichtung und ihren Zusammenhang mit dem Orient", den R. in erweiterter Gestalt schon früher aufzunehmen beabsichtigte, schließlich jedoch fortließ, stammt aus den Verhandlungen der XXX. PhilologenVersammlung zu Rostock im Jahre 1875. Nach dem Gesagten ergiebt sich, daß auch die alte Vierteilung des Werkes dieselbe geblieben ist: I. Die erotische Erzählung der hellenistischen Dichter. II. Ethnographische Utopien, Fabeln und Romane. III. Die griechische Sophistik der Kaiserzeit. IV. Die einzelnen sophistischen Liebesromane. Das sei zur Orientierung für diejenigen Philologen hinzugefügt, welche bisher keine Gelegenheit gehabt haben, die erste Auf

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lage einzusehen. Eins vermisse ich. Vor fünf Jahren erschienen fünf Vorträge über den griechischen Roman von Ed. Schwartz (Berlin 1896). Gewiß hätten außer uns noch andere es gern gesehen, wenn R. sich irgendwo zu diesem Buche geäußert hätte. So aber fand ich nirgends auch nur die geringste Andeutung im Griechischen Roman" darüber, wie R. sich zu Schwartz gestellt hat oder gestellt haben würde. Man kann kaum annehmen, daß R. daran stillschweigend vorübergegangen wäre, und daß dem Herausgeber Schoell die Stellung oder das Urteil seines Kollegen darüber unbekannt geblieben ist. Ein paar Nachträge

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Kurz, wenn nun auch unser Wunsch, daß dem Griechischen Roman" das Schicksal der "Psyche beschieden sein möge, die in kürzester Zeit zwei Auflagen erleben durfte, arg post festum kommt und leider nicht mehr erfüllbar ist, so darf man, wenn nicht die bestimmte Erwartung, so doch wenigstens die Hoffnung aussprechen, daß sich würdige Nachfolger finden mögen, die fähig sind, Rohdes Spuren zu folgen, in seinem Geiste weiter zu arbeiten und dadurch uns reife Früchte auf dem Felde der griechischen Roman- und Novellistikforschung zu bescheren. Göttingen. C. Haeberlin.

Aug. Thiel, Iuvenalis graccissans sive de vocibus graecis apud Iuvenalem. Vratislaviae 1901, Preuss et Iuenger. X, 152 S. 8.

Nach einer Übersicht über frühere Arbeiten erklärt Verf. in etwas breiter Ausführung den ihm vorschwebenden Plan, an einem Schriftsteller feststellen zu wollen nicht nur die Zahl der aus dem Griechischen stammenden Entlehnungen, sondern auch den Ursprung dieser Worte, sei es aus dem sermo cotidianus, der Litteratur oder aus sonstigen Quellen, den Unterschied ihrer Bedeutung zu früheren und späteren Schriftstellern und die Absicht, die bei ihrer Anwendung vorgeschwebt hat. Verf. will also ihre Geschichte geben. Freilich eine Behandlung des gesamten Bestandes in dieser Weise wäre eine weitläufige und für die Mehrzahl nicht einmal lohnende Arbeit gewesen. Mit Recht führt daher Th. seine

Absicht nur für eine Reihe der seltneren und bezeichnendsten Worte aus, hier in voller Ausführlichkeit, die ihn auch die Inschriften (zu Psecas vgl. noch CIL VI 25110) und Glossen berücksichtigen läßt und ihn so in den Stand setzt, manches bestimmter zu fassen und richtiger zu deuten. Für die große Masse beschränkt er sich auf Aufzählung und eine allerdings bis ins einzelne gehende Registrierung. Es sind das meist ganz geläufige Worte, für die das Latein keine eigene Bezeichnung hat, wie für Tiere, Pflanzen, Namen der Geographie, des Mythus, der Geschichte, oder solche, bei denen. der fremde Ursprung kaum noch ins Bewußtsein kommt, oder andere, die zumal die Dichter bereits zum Gemeingut mindestens der gebildeten Stände gemacht hatten. Neugeschaffen hat Juvenal, und zwar von bekanntem Stamm, von Appellativen ceromaticus und petasunculus, von Eigennamen nur Stoicidae; andere, die sich nur oder zuerst bei ihm finden, wie anabathra, xerampelinae, chironomos, sind doch wohl der Sprache seiner Zeit entlehnt; einzelne, wie trechedipna, gebraucht er in eigenem Sinne. Es ist bezeichnend, daß die große Mehrzahl dieser Bildungen (S. 17 ff. 105 ff.) sich in den Gedichten I-VII findet, wo der lebhaftere Impuls den Dichter auch freier und kühner mit dem Ausdruck schalten läßt; die späteren Satiren haben dafür die Fülle der aus Schule und Lektüre nur zu bekannten Entlehnungen, besonders von Eigennamen.

Juvenal verbindet aber mit der Wahl, zumal der seltneren Worte, auch eine bestimmte Absicht, wenn man sich auch hüten muß, diese Beobachtung zu sehr auf die Spitze zu treiben. Schon einem flüchtigen Beobachter kann es kaum entgehen, wie in der heftigen Invektive der dritten Satire gegen die Graeca urbs die griechischen Ausdrücke und Bilder sich drängen, daß hier die seltenen oder gar sonst nicht mehr nachweisbaren Worte ceromaticus, niceteria, trechedipna, endromis nicht ohne Grund gewählt sind, daß die Beschäftigungen, in denen der Graeculus esuriens sich Meister fühlt, fast sämtlich auch mit griechischen Worten wiedergegeben werden. Aber es ist doch interessant, in den Zusammenstellungen des Verfassers zu sehen, wie alle die wirklichen oder doch vom Dichter angenommenen Beeinflussungen Roms durch Griechenland, in guten wie in bedenklichen Dingen, mit einer Fülle von griechischen Wendungen, z. T. mit direkten, auch wohl pa

rodierten Zitaten, charakterisiert werden, wie dann die paropsis an die Stelle der lanx, der artopta an die Stelle des pistor sich setzt, wie popanum für das gewöhnliche libum, thorax für lorica, ephebus für iuvenis eintritt, wie sich furor in oestrus, dementia in phrenesis verwandelt, kurz, wie dann durch derartige deutliche Lehnworte der Satiriker seinen Farben ein besonderes Licht aufsetzt. Wenn er aber auch zur Erhöhung des gelehrten Scheins, und um den Stil zu heben und zu verbrämen, griechische Worte heranzieht, so ist das gewissermaßen Ironie seiner Muse; denn auch da mit dem Verf. die tiefere Absicht des Spottes finden zu wollen, geht kaum überall an.

Sehr ausführliche, fast bis zur Unübersichtlichkeit genaue Tabellen über die Zahl der griechischen Worte, ihre Verteilung auf die einzelnen Satiren und Satirengruppen, auf je hundert Verse, über das Verhältnis zu ihrem Vorkommen in den Briefen und Satiren bei Horaz, der natürlich weit zurücksteht, und Persius, der bedeutend näher rückt, über die griechischen Endungen der Wörter bei den verschiedenen Satirikern schließen die gründliche Arbeit, die das gewählte Thema nach mannigfachen Seiten hin erschöpft und sich zugleich weiteren Gesichtspunkten nicht verschlossen hat.

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R. Preiser, Zum Torso von Belvedere. Wissenschaftliche Beilage zum Jahresbericht über das fürstliche Rutheneum. Gera 1901. 20 S. mit 1 Taf.

Sieht man die lange Reihe der Vorschläge zur Ergänzung des Torso vom Belvedere durch, so kann man sich kaum eines Gefühls unwilliger Verwunderung darüber erwehren, daß in den meisten Fällen die Lösung dieses schwierigen und darum nur umso reizvolleren Problems in einer Weise in Angriff genommen worden ist, die sich nur durch ein Verkennen der Hauptschwierigkeit erklären und entschuldigen läßt. Die gewissenhafte Beobachtung und Ausnutzung des ganzen anatomischen Details, die bei einer derartigen Aufgabe die erste Hauptsache hätte sein müssen, findet sich bisher nur in drei Bearbeitungen des Themas: in der des Anatomen Hasse, in der Sauerschen und der vorliegenden. Wenn auch diese drei nicht zu genügendem Resultat gelangt sind, so liegt der Grund darin, daß dem Anatomen der archäologische, dem

Archäologen der anatomische, allen dreien aber der nötige künstlerische Beirat gefehlt hat. Gelegentliche Erkundigung hilft hier nichts. Ist eine Lösung des Problems möglich, so kann sie nur durch das Zusammenarbeiten eines Anatomen, Archäologen und Künstlers erreicht werden und zwar mit Hülfe eines vorzüglichen Modells. Man verschanze sich nicht, wie es auch der Verfasser der vorliegenden Schrift gelegentlich thut, hinter Brunns Abschätzung der Muskelbildung am Torso; man halte dagegen die Äußerungen des Künstlers v. d. Launitz und des Anatomen Hasse, bedenke aber vor allem, daß Brunn selbst gesagt hat: Alle Massen sind an der richtigen Stelle und in den richtigen Verhältnissen angegeben. Nur vermißt er die Schärfe in der Abgrenzung und die elastische Spannung, wie wir sie an den Skulpturen des Parthenon finden.

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Pr. geht methodisch durchaus richtig vor; er unterläßt zunächst jeden Deutungsversuch und konstatiert im Beginn den Erhaltungszustand, voran die für die Wiederherstellung wichtigen Verletzungen und Spuren. Natürlich streicht er da die nach Hasse vorhandene Einsenkung auf dem rechten Oberschenkel, in die Hasse den rechten Ellenbogen eingepaßt hatte; sie existiert am Originale nicht. Ebenso aber hat Pr. recht, wenn er das Vorhandensein eines Stützenrestes, den Sauer ebendort angenommen hat, leugnet. Die Oberfläche ist an jener Stelle so zerstört, daß man nicht mehr sagen kann, ob hier ehemals ein Ansatz oder eine Stütze gewesen sei oder nicht. Daß der Fellkopf das Fell nimmt Pr. im Anschluß an Hasse und Sauer zweifellos mit Recht als Pantherfell als Unterlage für einen aufgestellten Gegenstand gedient habe, wie Robert angenommen hat, ist wahrscheinlich nach der absichtlichen Art, wie er vom Künstler auf den Schenkel gelegt ist (schon richtig von Petersen empfunden); doch hat Pr. recht, wenn er behauptet, aus der Art der Verletzung lasse sich nichts schließen. Ob die Bruchstelle am linken Oberschenkel außen von einer Keule herrührt, ist zum mindesten zweifelhaft; berechnen wir die Stärke der Keule nach der oberen Breite des Ansatzes, so würde sich für das untere Ende ein ganz gewaltiger Umfang ergeben, und verlängern wir diese Keule noch so stark, wie in Preisers Ergänzung geschehen ist, so würde daraus eine Waffe werden, die man unmöglich noch Pedum nennen kann, wie Pr. will.

Auf die Beobachtung eines Bruchrandes in der rechten Kniekehle gründet der Verf. seine

Annahme, der rechte Fuß wäre zurückgezogen gewesen und habe den Boden nur mit dem Vorderballen berührt; die Wade habe sich an den Oberschenkel gedrückt. Pr. hat dabei die Muskulatur des Oberschenkels, die besonders an der Außenseite sehr deutlich ist und für die Stellung des Unterschenkels Aufschluß giebt, nicht genügend beachtet. Hier tritt dicht am Knie die Sehne des zweiköpfigen Schenkelmuskels stark hervor, sodaß sich darüber eine flache Rinne bildet: das geschieht nur, wenn der Fuß mit ganzer Sohle fest auf den Boden gesetzt wird, während die Sehne bei der von Pr. angenommenen Stellung vollkommen verschwindet (vgl. Kollmann, Plastische Anatomie S. 448 Fig. 137; Harleß, Lehrbuch der plast. Anatomie II p. 150 Fig. 81). Hinzukommt, daß auf den beiden ältesten Abbildungen des Torso, von denen die eine beide Unterschenkel, die andere den rechten giebt, beide den rechten Unterschenkel in der angegebenen Haltung darstellen.

Mit seiner Ergänzung des rechten Beines fällt aber ein besonders wichtiger Grund für Preisers ganze Auffassung der Figur, nach der sie in einer momentanen Bewegung, einem plötzlichen Aufschnellen anhielte. Die Haltung der Unterschenkel, wie wir sie voraussetzen müssen der linke wird von Pr. richtig im Einklang mit Hasse, Sauer und der ältesten Abbildung ergänzt, spricht dagegen. Dafür ist auch Preisers zweiter Hauptgrund nicht zu verwenden, daß nämlich die Glutäen eng gegeneinandergerückt sind und das Gemächt nicht bis auf den Sitz herabhängt, wie das z. B. beim Ares Ludovisi der Fall ist, wo sich denn auch die Glutäen auf dem Sitze ausbreiten. Hätte aber Pr. den Myronischen Herakles Altemps (Kalkmann, 53. Berl Winckelmannsprogr. T. I) oder die Wiederholungen des Herakles epitrapezios für diesen Punkt verglichen (Gazette archéologique 1885 Pl. 7/8), so würde er dort die betreffenden Teile mit denen am Torso genau übereinstimmend gefunden haben; und in beiden Fällen kann von momentanem Auffahren vom Sitz nicht die Rede sein. Die Anspannung der Sitzorgane spricht nur für die gewaltige frische Kraft, die sich trotz des Sitzens auch in allen anderen Teilen des mächtigen Körpers fühlbar macht.

Sorgfältiger hat Pr. die Muskulatur der Schultern und Armstumpfe studiert und hier vor allem einen Punkt zur Evidenz gebracht: die Vorderseite der rechten Achselhöhle ist soweit erhalten, daß man mit Bestimmtheit sagen kann:

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