Page images
PDF
EPUB

Vergleichende Verweisungen, welche sich auf Stellen innerhalb desselben Buchs beziehen, sollen dazu dienen, schon bei der Präparation die nöthige Geläufigkeit und Sicherheit zu ermöglichen. Andere Verweisungen sind selten beigefügt, meist nur, um Wiederholungen zu vermeiden. Erfahrungsgemäss thut in dieser Beziehung das beste zur Belebung der Auffassung der Unterricht selbst one grossen Zeitaufwand; in der häuslichen Arbeit des Schülers bleiben Verweisungen auf nicht Bekanntes in der Regel unbeachtet. Auch Verweisungen auf andere, als dem Schüler geläufige Classiker bleiben für diesen in weitaus den meisten Fällen todtes Material. Besonderes Gewicht wird auf das Verständniss der dichterischen Auffassung, Composition und Darstellung gelegt werden müssen, natürlich immer in den Grenzen, welche durch die vorauszusetzende Vorbereitung der vorhergehenden Curse gezogen sind. Dahin bezügliche Andeutungen sind deshalb da und dort eingeflochten. Eine Einleitung über das Leben und die Werke des Dichters vorauszuschicken habe ich unterlassen; dieselbe müsste jedem Heft vorangedruckt werden, um sie bei der verschiedenen Auswahl in der Schullectüre jedem Schüler zugänglich zu machen. Sie kann leicht und mit besserm Erfolg ersetzt werden, wenn der Lehrer diesen Gegenstand dem Cursus angemessen zu lateinischen Exercitien verwendet, wie es Seyffert in seinem Uebungsbuch zum Uebersetzen aus dem Deutschen ins Lateinische gethan hat.

Bezüglich der Textesgestaltung bin ich nicht der Ansicht, dass, was anders oder besser gesagt werden könnte, der Dichter auch anders gesagt haben muss. Auch sind manche Verbesserungsvorschläge eben so wenig über allen Zweifel erhaben, als wir in den alten Autoren nur nach allen Seiten hin vollendete Muster sehen dürfen. Diese haben übrigens des Guten und Schönen so viel, dass, wenn wir nur diesen Reichtum der Jugend zugänglich und verständlich machen können, sie einen hinlänglich reichen Schatz für ihre weitere Bildung aus der Schule mitnehmen wird.

An den vorstehenden, in dem Vorwort zur ersten Auflage bezeichneten Gesichtspunkten ist in der zweiten Auflage keine

Aenderung vorgenommen worden. Verbesserungen wurden angestrebt, wo immer sie angezeigt schienen. Alles, was mir in freundlicher wie unfreundlicher Weise geboten worden ist, wurde sorgfältig geprüft und, so oft ich mich von dessen Richtigkeit überzeugen konnte, verwerthet. Ueber Manches sind die Acten noch nicht geschlossen und werden trotz der energischen Liebenswürdigkeiten, deren nun einmal einzelne Recensionen nicht entbehren zu können scheinen, die Ansichten verschieden bleiben. Zu bedauern ist aber, dass selbst in Schulschriften, die zugleich in die Hände von Schülern gegeben • werden, wissenschaftliche Fragen in einer Weise besprochen werden, die bei den Schülern selbst leicht ein schlimmes Licht auf die Wirkung der humaniora werfen könnte. Solche Besprechungen haben es sich selbst zuzuschreiben, wenn sie dem Verdacht ausgesetzt sind, dass es in ihnen weniger um die schlichte Feststellung der Wahrheit, als um eine gewisse Kampfeslust zu thun ist, die näher zu erörtern in der Vorrede zu einem Schulbuch nicht der Platz ist. Für die anerkennenden und belehrenden Besprechungen in Zarnckes literarischem Centralblatt 1874, XX, Schades wissenschaftlichen Monatsblättern 1874,II, im philologischen Anzeiger VII, in dem allgemeinen literarischen Anzeiger 1874, 85, in der Zeitschrift für die österreichischen Gymnasien 1875, IV, so wie in Forbigers editio quarta bin ich zu grossem Dank verpflichtet; ich hoffe durch ihre Benützung dem Schüler wirklichen Gewinn bereitet zu haben. Die Untersuchungen Bentfelds in der Zeitschrift für das Gymnasialwesen XXIX über den Ablativ bei Vergil sind so überzeugend, dass der Erklärer ihrer Verwerthung sich nicht verschliessen darf. Der Herr Verfasser wird es mir zu gute halten, wenn ich in den Noten eines Schulbuchs nur einmal darauf hingewiesen habe. Die achte Ausgabe von Ladewig-Schaper ist mir erst bei der Revision der letzten Correcturbogen zugekommen, so dass ihr nicht mehr die gebührende Berücksichtigung zu Theil werden konnte. Auf Einzelnheiten in Betreff vorgenommener Aenderungen sowohl, als verschiedener Erklärungsversuche näher einzugehen, würde die Grenzen der Vorrede eines Schulbuchs überschreiten. Vielleicht bleibt mir hiezu Zeit und Gelegenheit an einem andern Platze. Aus letzterm Grunde ist auch der Anhang, der Kürzungen und Erweiterungen hätte erfahren müssen, weggefallen, indem ich zugleich glaubte den in der Vorrede der ersten Auflage bestimmt bezeichneten Zweck des Buches noch schärfer im Auge behalten zu sollen. So habe ich mich auch nicht überzeugen können, dass es mit demselben vereinbar seí, an einzelnen Stellen, wie Herr Haug meint, weitere Verweisungen und Erklärungen, zumal grammatischer Art beizufügen; im Gegentheil schien es mir zweckmässig, sogar noch Kürzungen eintreten zu lassen, wie schon die verringerte Seitenzahl der Erklärungen zeigt. Dem Lehrer soll eben auch noch etwas übrig bleiben, und das Buch soll nun einmal nicht dem „Lehrer zu schneller Orientirung“ dienen. Es wird vielmehr vorausgesetzt, dass dieser die Hauptsache des nöthigen Apparates durchgearbeitet hat, wenn er seinen Unterricht nutzbringend und belebt machen will. In dieser Beziehung gilt, was oben von einer Einleitung über des Dichters Leben und Werke gesagt ist, in ähnlicher Weise auch hinsichtlich einer solchen über Sprachgebrauch, Metrik u. a. Das sind Dinge, die der Schüler am besten in der Schule bei vorkommendem Falle, nicht in einer längern oder kürzern Einleitung lernt. Im Uebrigen ist es ja in der Natur der Sache, dass Manches dem einen wünschenswerth oder nothwendig erscheint, worüber ein anderer anderer Ansicht ist, und darin liegt eben die Schwierigkeit in der Ausführung, bei einem bestimmt vorgezeichneten Zweck auseinandergehenden Ansichten gerecht zu werden.

Karlsruhe, im Juni 1877.

Karl Kappes.

P. VERGILI MARONIS

A E NEI D O S

LIBER PRIMUS.

Arma virumque cano, Troiae qui primus ab oris Italiam fato profugus Laviniaque venit litora, multum ille et terris iactatus et alto

vi superum saevae memorem Iunonis ob iram, 5 multa quoque et bello passus, dum conderet urbem

Erstes Buch. Aeneas wird auf seiner Fahrt nach Italien durch einen Sturm von Sicilien nach Karthago verschlagen und von Dido gastlich aufgenommen.

1-7. Inhalt des ganzen Epos. Vgl. Hom. a, 1-10.

1. Arma virumque. Die epische Darstellung liebt es, die in ihrer Verbindung ein Ganzes ausmachenden Einzelheiten coordinirt neben einander zu stellen; daher die häufige Anwendung des εν δια δυοϊν. cano, intransitiv und transitiv. So in Prosa fidibus canere, signum canere.

2. Italiam. Bei den Dichtern werden die Ortsbestimmungen häufig ohne Präpositionen gesetzt; so v. 3 terris et alto. - fatum, 1) das Gesprochene, die Weissagung; 2) das unabänderliche Schicksal im Allgemeinen, welchem nicht nur das ganze Volk wie der Einzelne, sondern selbst die Götter untergeordnet sind; 3) ein einzelnes Verhängniss,

Kappes, Vergils Aeneide. I-III.

Unglück. Hier ist es Schicksal. Laviniaque, hier viersilbig. Lavinia litora, so genannt von Lavinium, der erst von Aeneas gegründeten und nach seiner Gemahlin Lavinia, der Tochter des Königs Latinus, so genannten Stadt. Der Dichter anticipirt häufig in der Anführung von Thatsachen Einzelnheiten, die einer späteren Zeit angehören.

3. ille, Epanalepsis wie õys bei Homer zur schärferen Hervorhebung des Subjects, wenn einem Prädicate weitere angereiht werden.

4. vi superum, genauer bestimmt durch saevae

iram; die epische Darstellung lässt oft dein vorausgeschickten Allgemeinen das für den vorliegenden Fall wesentliche Einzelne nachfolgen.

5. bello. Nicht genug, dass Aeneas durch den Zorn der luno

der ihm bestimmten neuen Heimat zurückgehalten wurde, musste er daselbst angekommen auch noch viele Kämpfe bestehen. Das lag eben in seinem Fatum.

1

von

inferretque deos Latio, genus unde Latinum
Albanique patres atque altae moenia Romae.

Musa, mihi causas memora, quo numine laeso
quidve dolens regina deum tot volvere casus
10 insignem pietate virum, tot adire labores
impulerit. tantaene animis caelestibus irae ?

Urbs antiqua fuit Tyrii tenuere coloni
Karthago, Italiam contra Tiberinaque longe

ostia, dives opum studiisque asperrima belli; 15 quam Iuno fertur terris magis omnibus unam

posthabita coluisse Samo: hic illius arma,
hic currus fuit; hoc regnum dea gentibus esse,

si qua fata sinant, iam tum tenditque fovetque. 6. deos, d. i. die Penaten. Diese von dem Kreislauf der Zeit übersind die römischen Schutzgottheiten tragen auf die immer wiederkehren1) der Familie, 2) des aus dem den Unfälle, die einer nach dem Verband der Familien entstandenen andern überstanden werden müssen. Staates (penates minores, familiares, 10. pietas, die Eigenschaft des privati, maiores, publici). Römische pius, dessen, der alles beobachtet Sitten und Einrichtungen erscheinen und thut, was ihm durch die von öfters, wie hier, auf fremde Ver- der Natur gegebenen Gesetze obhältnisse, ebenso spätere Einrich- liegt; daher in Bezug auf die Götter tungen auf frühere Zeiten über- „fromm“, zwischen Eltern und Kintragen. Latio. In der dichteri- dern „liebevoll“, gegen das Vaterschen Sprache wird sehr häufig bei land ,,vaterlandsliebend“. zusammengesetzten und einfachen 11. impulerit volvere, adire. In Verben der Bewegung auf die Frage der dichterischen Sprache, und von wohin? der Dativ gesetzt. unde, Livius an auch nicht selten in der von welcher Niederlassung her. Prosa, werden nach griechischer 7. Albani patres, entweder die

Art die Verba agendi, imperandi, Vorfahren, oder die Patrizier in

monendi mit dem Infinitiv Alba.

bunden.

12—33. Antwort auf die Frage 8–11. Anrufung der Muse. Vgl.

an die Muse. Hom, a 1-10.

13. Tiberinaque ostia, erläutern8. numen, der Wink als Ausdruck der Zusatz des Einzelnen des Willens des mit hoher Macht Ganzen. Begabten, dann der Wille selbst. 15. terris omnibus. Der Ablativ Der Wille der Göttin war, dass der Vergleichung steht in der Karthago ein mächtiges Reich Dichtersprache auch statt eines gründe. Diesem Willen stand das Objectsaccusativs.

magis unum, Schicksal entgegen, welches den in der Prosa gewöhnlicher unus Aeneas zum Gründer der römischen, omnium maxime. Karthago feindlichen Macht be- 16. posthabita Samo, erg. vel. stimmt hatte. Daran schliesst sich Iuno war auf Samos aufgewachsen die Stimmung der Göttin noch und hatte dort einen vielgefeierten weiter bezeichnend quidve dolens. Tempel Samo, Hiatus. quo numine laeso erhält seine Er- 17. gentibus, Dativ hier statt des läuterung v. 19-22, quidve dolens Objectsgenetivs. v. 24-28.

18. tenditque fovetque. tendere be9. regina deum, als Schwester und zeichnet den Willen, fovere die Gattin des Iuppiter, Saturnia als mütterliche Sorge. Zur Construction Tochter des Saturnus. volvere, vgl. v. 11.

ver

zum

« PreviousContinue »