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Alle diese Anzeigen, von denen manche in genauer Weise auf
das Detail eingehen, haben mich zu lebhaftem Danke verpflichtet
und zwar sowol durch die in denselben sich aussprechende freund-
liche Anerkennung, als auch durch die mir vielfach gebotene Be-
lehrung, die ich nach ihrem vollen Werthe zu würdigen weiss, und
dies auch da, wo vielleicht die Form einzelner Bemerkungen in
der einen oder anderen Anzeige etwas anders hätte lauten können.
Jedenfalls fühle ich mich gedrungen, an dieser Stelle auszu-
sprechen, dass die viri Vergiliani im Ganzen und Grossen
neuen Mitarbeitern in viel höherem Masse eine unparteiische
Würdigung angedeihen lassen, als es auf vielen anderen Gebieten
der philologischen Forschung der Fall ist. Während in gar
manchen anderen Sphären eine ignoble Obtrectation keine seltene
Erscheinung ist, eine Obtrectation, welche notorisch den Zweck
verfolgt, diejenigen, die ausserhalb gewisser geschlossener Kreise
stehen, als unbefugte Eindringlinge zurückzuweisen und von der
Bearbeitung der betreffenden Specialgebiete abzuschrecken: habe
ich – und nicht bloss ich – bei den Vergilmännern eine muster-
hafte Bereitwilligkeit, das von anderen gelieferte Brauchbare an-
zuerkennen, gefunden und eine ernste Wahrheitsliebe, die gleich
weit entfernt ist von unbegründeter Lobrednerei wie von egoisti-
scher Verketzerungssucht.

Die freundliche Aufnahme der Vergilstudien“ war nicht
ohne Einfluss auf das frühzeitige Erscheinen der vorliegenden
Schrift. Ursprünglich gedachte ich die in dem Vorwort der Vergil-
studien angedeutete Fortsetzung erst beiläufig im Jahre 1882
erscheinen zu lassen, da ich vorher ausser den mittlerweile er-
schienenen „Studien zu Euripides“ (I., II. Theil. 1879) noch andere
Euripidea und ferner neue Sophoclea veröffentlichen wollte. Das
wolwollende Urtheil so vielertrefflicher Vergilkenner veranlasste
mich jedoch mein Arbeitsprogramm zu ändern und unter Auf-
schiebung aller Arbeiten, die sich überhaupt aufschieben liessen,
eifrigst an der Fortsetzung der Vergiliana zu arbeiten. Und so
lege ich schon jetzt eine zweite Schrift den Vergilkennern vor
mit dem Wunsche, es möge auch diese Arbeit als ein brauch-

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barer Beitrag zur Erklärung eines Dichters erscheinen, den ich bei fortgesetzter Beschäftigung mit demselben ungeachtet aller seiner Mängel doch immer mehr zu lieben und zu schätzen gelernt habe.

In einer dritten meine Vergiluntersuchungen vorläufig abschliessenden Arbeit gedenke ich in kürzerer Weise die übrigen Bücher der Aeneis und ebenso die übrigen Gedichte Vergil's zu behandeln, wobei ich zugleich angeben werde, welche von den früher aufgestellten Erklärungen und Conjecturen ich im Anschlusse an die von anderen erhobenen Einwendungen zurücknehme und welche ich aufrecht halten zu sollen glaube. *)

In den „Vergilstudien“ habe ich in einzelnen Fällen Ansichten dargelegt, die, wie ich später ersah, bereits von anderen vor mir aufgestellt worden waren. Insbesondere hat der Verfasser der sehr eingehenden und belehrenden Recension im philologischen Anzeiger solche Beispiele hervorgehoben. Sollten nun in dem vorliegenden Buche Fälle einer ähnlichen Nichtbeachtung der Priorität anderer sich finden (ich hoffe jedoch, dass diese Fälle nur spärlich sein dürften), so bitte ich an meiner bona fides nicht

*) Beispielsweise beeile ich mich zu bemerken, dass bezüglich der Verse

Aen. I 453 ff. Gebhardi (Jahrb. f. Phil. 1879, S. 570 ff.) in einem wichtigen Punkte gegen Weidner und mich Recht behält. Ich habe nämlich Weidner's Annahme plastischer Bildwerke auf einem Giebelfelde gebilligt und dies, wie ich gestehen muss, ohne nähere Prüfung, die hier geboten und durch V. 464 nahegelegt war. Wenn nun nach Gebhardi auch Herr Konrad Zacher (Jahrb. f. Phil. 1880, S. 578) diesen Irrthum darzulegen unternommen hat, so kann ich nur sagen, dass er Gethanes wieder thut; ich muss aber auch sagen, dass er es mit unberechtigtem Selbstgefühl thut, und dass ich gerade ihn, dessen jugendliche Leistungen ich ja genau kenne, nicht für befugt halte, einen solchen Ton anzuschlagen, wie er ihn S. 578 anschlagen zu sollen geglaubt hat, was seinerzeit nachzuweisen ich mir vorbehalte. Ich werde übrigens noch Gelegenheit haben darzulegen, wie ich mir jetzt die Anordnung und Vertheilung der Bilder denke, wenn auch Herr Zacher am Schlusse seines Aufsatzes den charakteristischen Ausspruch thut „diese Frage sei in letzter Zeit oft genug behandelt worden, so dass (!) es überflüssig erscheine, von neuem darauf einzugehen“.

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zu zweifeln und für solche Unterlassungsfehler die Entschuldigung theils in der kaum zu bewältigenden Masse der einschlägigen Literatur, theils in meiner mitunter unglaublich grossen Ueberhäufung mit zahlreichen anderen Arbeiten zu finden.

Den kritischen Bemerkungen über Stellen des II., III., IV. Buches der Aeneis habe ich eine Reihe von Excursen hinzugefügt, von denen ich den fünften über die Alliteration in der Aeneis“ besonderer Beachtung, aber auch besonderer Nachsicht, empfehle, letzteres darum, weil gerade auf diesem Gebiete die Meinungen sehr auseinandergehen und weil allerdings im einzelnen manches unsicher und schwankend ist. Es würde mir zu lebhafter Genugthuung gereichen, wenn diese Abhandlung wenigstens als Anregung zu weiteren Untersuchungen betrachtet würde. Ich selbst werde es nicht unterlassen, diesen Punkt weiter zu verfolgen und das reiche Material, das ich für andere Dichter, römische wie griechische, gesammelt habe, zu verarbeiten.

Schliesslich erfülle ich eine angenehme Pflicht, Herrn Dr. Rob. Novák, Professor am hiesigen I. böhmischen Staatsrealgymnasium für die umsichtige Abfassung der Register zu diesem Buche und Herrn stud. phil. Korec für die sorgfältige Sammlung des Materials zu dem IV. Excurse über die Wortsymmetrie in der Aeneis“ meinen Dank abzustatten.

PRAG, den 22. November 1880.

J. Kvíčala.

Aen. II 24.

huc se provecti deserto in litore condunt. Gegen die Auffassung huc provecti se deserto in litore condunt wenden manche ein, dass die Stellung des se dagegen spreche, und dass man darum huc mit condunt verbinden müsse. Die Construction huc se condunt ist natürlich an und für sich zulässig, (vgl. Plaut. Truc. III 1 9 minas viginti in crumenam, Liv. XXXI 23 condere aliquem in custodiam; vgl. auch se abdere, z. B. Verg: Aen. XI 810 ac velut ille, prius quam tela inimica sequantur, continuo in montes sese avius abdidit altos); aber sehr ungefällig wäre innerhalb desselben kurzen Satzes die verschiedene Bezeichnung des Ortes huc se deserto in litore condunt. Da ist denn doch ungeachtet der Wortstellung wahrscheinlicher die Verbindung huc provecti. Vielleicht beabsichtigte der Dichter ursprünglich zu sagen hic se provecti deserto in litore condunt, wobei zu provecti ein huc zu denken wäre; aber die Nähe des provecti übte auf das Adverbium eine Attraction aus. Uebrigens finden sich bei Dichtern ja mitunter Beispiele einer noch kühneren Wortstellung; vgl. Hor. Sat. I 3 60 f. cum genus hoc inter vitae versemur, ubi acris invidia atque vigent ubi crimina; ebd. I 6 66 f. purus et insons (ut me collaudem) si et vivo carus amicis. Vgl. auch Aen. X 420 quem sic Pallas petit ante precatus (sic zu precatus gehörig).

Eussner (N. Jahrb. f. Phil. 1876 S. 77) wollte in getilgt und deserto litore auf die Küste, welche die Griechen verlassen hatten, bezogen wissen. Richtig bemerkt dagegen Schaper, dass die Oede des Ufers mit der V. 23 erwähnten Blüthe in keinem Widerspruch stehe, da diese Blüthe schon während des Krieges durch Achilleus

Kvíčala: Nene Beiträge z. Erkl. d. Aen.

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(Hom. / 625) zerstört worden sei.*) Auch entsteht durch Eussner's Conjectur ein lästiger Ueberfluss, indem die Abfahrt auf doppelte Weise, durch provecti und deserto litore, bezeichnet wäre.

Uebrigens ist sehr richtig, was Servius bemerkt: „aut certe ideo deserto, ut facilius latere possint“. Die Griechen suchten eine einsame Gegend auf, damit niemand von den Einheimischen sie sähe und ihren Plan den Troern verriethe.

Aen. II 25.

nos abiisse rati et vento petiisse Mycenas. Für diese seltene Ellipse von sumus führt man als Analogie an die ebenfalls seltene Auslassung von estis Aen. I 201 f. vos et Cyclopia saxa experti, Aen. V 191 f. nunc illas promite vires, nunc animos, quibus in Gaetulis Syrtibus usi und von es V 687 f. Iuppiter omnipotens, si nondum exosus ad unum Troianos. Mit der Auslassung der ersten Person von esse kann man vergleichen dieselbe Erscheinung, welche im Griechischen bei Étoluos und npótvuos nicht selten sich findet, freilich gewöhnlich im Singular, z. B. Eur. Med. 612 Érotuos apdova doðvai xepi (näml. eiul) oder Dem. IV 29 εγώ πάσχειν οτιούν έτοιμος Εur. Ηel. 1523 είδέναι npótvuog. Vgl. Plat. Lach. 180 A. Phaidr. 238 C. Euthyd. 285 C. Parm. 137 B. Doch auch im Plural: Plat. Rep. VI 499 Dnepi τούτου έτοιμοι τω λόγω διαμάχεσθαι. .

Eine noch genauere Eutsprechung bietet für unsere Stelle cine im Böhmischen in der Umgangssprache sehr übliche Wendung, nämlich die Verbindung des Personalpronomen já (ego), my (nos) mit dem Participium der Vergangenheit im Sinne eines Praeteritums, z. B. já to řekl (wörtlich = xyù toùro cionxas) = yò toùto

isov. Já slyšel (wörtlich łyà dxnxows) statt já jsem slyšel (= tyaó είμι ακηκοός) = εγώ ήκουσα. My slyseli (würtlich ημείς ακηκοότες) statt my jsme slyseli (= ημείς εσμεν ακηκοότες) = ημείς ηκούσαμεν.

*) Natürlich erstreckt sich die mit den Worten Priami dum regna mane

bant im V. 22 bezeichnete Zeit nicht bis zur Eroberung Troias, sondern nur bis zur Ankunft der Griechen vor Troia. Mit der Ankunft der Griechen und der Einschliessung der Troer in der Stadt hörte factisch die Herrschaft über die Umgegend von Troia auf.

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