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Vorrede zur achten Auflage.

Die Nothwendigkeit die ersten sechs Bücher der Aeneis in der Ladewig'schen Ausgabe neu aufzulegen, ist früher als zu erwarten war, eingetreten. Diese Bücher bilden mit den Oden des Horaz und den homerischen Gedichten den Kern der altklassischen, poetischen Schullektüre. Sie sind fast unausgesetzt der Gegenstand sorgfältigster Erklärung und eingehendster Beurtheilung gewesen. In der Interpretation lassen sich aber zwei Methoden deutlich unterscheiden. Die eine geht davon aus, dass der von Vergil bis zu einem hohen Grade der Vollendung gebrachte Text uns im Grossen und Ganzen gut überliefert ist. Nach der andern hat der Dichter sein Werk in sehr unfertigem Zustande zurückgelassen. Varius und Tucca haben es durch bedeutende Aenderungen lesbar gemacht. Auch später sind nicht wenige und nicht unbedeutende Theile der Dichtung durch Umstellungen und Zusätze entstellt worden. Es ist nöthig durch Athetesen ganzer und halber Verse, durch Annahme von Lücken und durch Aenderungen in der Reihenfolge der Verse einen Text herzustellen, welcher dem Dichter als Object der letzten Redaction vorgelegen haben kann.

In meiner Abhandlung,,Ueber die in der ersten Hälfte der Aeneis durch die moderne Kritik gewonnenen Resultate" ZGW. XXXI. 2. p. 65-95 habe ich mich bemüht nachzuweisen, dass diese Versuche misslungen sind und dass es vielmehr darauf ankommt durch genaue Erforschung und Feststellung der vergilischen Diction der richtigen Würdigung des Dichters und seines Werkes näher zu kommen, als bisher geschehen ist. Wie in den sechs letzten Büchern der Aeneis, so habe ich daher auch hier die überlieferte Reihenfolge der Verse hergestellt und die Athetesen auf die aus objectiven Gründen verdächtigen Stellen beschränkt.

Aus dem Anhange habe ich jetzt diejenigen Aenderungsvorschläge entfernt, welche wie die von van Gent (ann. crit. Lugd. Bat. 1864), so geistreich sie auch erdacht sein mögen, doch zum besseren Verständnis des Dichters nichts beitragen, weil sie unnöthig und ihre Resultate zum grossen Theil unmöglich sind.

Dass ich aber mit meiner Ansicht über den Weg, der jetzt in der Interpretation der Aeneis einzuschlagen ist, nicht allein stehe, beweist die grosse Anzahl von Abhandlungen über den vergilischen Sprachgebrauch, welche in den letzten Jahren erschienen sind. Ich nenne unter diesen ausser dem schon in der Vorrede zur 6. Auflage von A. VII-XII p. IV erwähnten Programm von Dittel über den Dativ bei Vergil (Innsbruck 1873) die Beiträge zur Erklärung des Vergil von Bentfeld (ZGW.XXVIII 808-813. XXIX 205-212,652-661), in welchen der Gebrauch des Ablativ erörtert wird, das Programm von v. Steltzer,,Ueber den Gebrauch des Infinitiv bei Vergil" Nordhausen 1875, Verg. quaestt. spec. pr. de temporum usu von Ley, Saarbrücken 1877, die Abhandlungen von Wendtland über die Hemistichien in Vergils Aeneide (ZGW. XXIX 385-393), von Hoffmann über,,die auf den Tod bezüglichen Ausdrücke in den römischen Dichtern"(Progr. des Kölln. Gymn. Berlin 1875), von Braumüller über Tropen und Figuren in Vergil's Aeneis (Progr. des Wilh. Gymn. Berlin 1877), von Houben de comparationibus Vergilianis (Progr. des Gymnasiums in Düsseldorf 1876), von Lünzner über Personificationen in Vergils Gedichten (Progr. des Gymn. in Gütersloh 1876), von Bentfeld über den Einfluss des Ennius auf Vergil (Progr. d. Gymn. in Salzburg 1875). Manche von diesen Abhandlungen sind theils vor so kurzer Zeit erschienen, theils erst so spät in meine Hände gelangt, dass ich sie bei der Bearbeitung des mir vorliegenden Textes nicht mehr habe benutzen können. Von älteren Sammlungen ähnlicher Art, welche bisher nicht berücksichtigt waren, erwähne ich namentlich die Dissertation von Bieling de hiatus vi atque usu apud poetas epicos qui Augusti aetate floruerunt (Berlin 1868), welche mir bei der Feststellung des Textes von A. III, 464 von Nutzen gewesen ist.

Ueber das Verhältnis der neuen Bearbeitung zu den Ausgaben von Haupt 1873 und Ribbeck 1875 wird der Text, über die Benutzung der Commentare von Forbiger ed. IV. 1873, Kappes 1873. 74, und Gossrau ed. II. 1876 werden die Anmerkungen Auskunft geben. In diese habe ich auch aus dem vielfach angegriffenen, aber doch sehr anregenden und reichhaltigen Commentar Weidner's zu A. I und II noch einige Stellen aufgenommen, deren Hinzufügung, wie ich hoffe, für eine Bereicherung der Interpretation gelten wird. Nicht weniger ergiebig waren die vorzüglichen Beurtheilungen dieses Commentars von Schenkl (Z. f. d. östr. Gymn. XXI p. 377 — 394) und von Münscher (ZGW. XXVI Bd. II p. 327-361), denen ich die Beurtheilungen der Kappes'schen Ausgabe des Vergil in der Zeitschr. f. d. Gymn. Bd. XXIX (von Gebhardi 468-481 und Haug 481-501) und in dem Phil. Anz. 1875. Heft. 6. p. 310 bis 316 hinzufüge.

Unter den Arbeiten, welche der Interpretation grösserer Abschnitte dieser sechs Bücher gewidmet sind, hebe ich hervor die Ahhandlungen von Brandt,,Zur Kritik und Exegese von Vergils Aen. I-III" (Bernburg 1876) und,,Zu Vergils Aeneide" ZGW. XXVIII p. 81-106, den Commentar von Nauck zu Verg. Aen. II. 1—401 (Progr. Königsberg i. d. N. 1874, ang. im Phil. Anz. 1875 Heft 5 p. 427-28), die,,Kleinen Beiträge zur Erklärung von V. A.“ von Höger (Programm Landshut 1875), welche einen Commentar zu A. V, 1-361 enthalten und im Phil. Anz. 1875. Heft 5 p. 428-430 beurtheilt sind; die Programmabhandlung von Wiechmann de Aeneidos 1. II. compositione Potsdam 1876, die Beiträge zur Kritik und Erklärung von Vergils Aeneis Thl. I. von Schroeter, Gr.-Strehlitz 1875, in denen Stellen aus den ersten 5 Büchern besprochen sind, und den Aufsatz von Gebhardi über,,Die Rede des Anchises bei Verg. A. VI, 756-853" (ZGW. XXVIII Heft. 11. p. 801-808).

Von den in unseren Zeitschriften veröffentlichten Bemerkungen und Aenderungsvorschlägen zu einzelnen Stellen dieser Bücher kann ich hier nur wenige erwähnen. Unter den älteren

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Arbeiten dieser Art ist meiner Ansicht nach der Aufsatz von A. Goebel,,Zu Vergils Aeneide" (J. f. Kl. Phil. 1864. p. 658-662) von Ladewig nicht genügend berücksichtigt worden. Von neueren Arbeiten nenne ich hier Tittler's Vertheidigung seiner Erklärung von A. VI, 411 (J. f. Kl. Phil. 1873 p. 421--428), der ich zu meinem Bedauern nicht habe beitreten können, Madvig's Vorschläge (adv. crit. II p. 33-39), von denen ich einen (A. I, 455) angenommen habe, Nauck's Beiträge,,zur Erklärung des Vergilius" (ZGW. XXVIII p. 709 und XXIX 75—77), durch welche mehrere Schwierigkeiten in schlagender Kürze aufgedeckt und beseitigt sind, und Flach's Untersuchung,,Zur Chronologie des dritten Buchs der Aeneide" (J. f. Kl. Phil. 1873 p. 853-856), in welcher die Ereignisse von der Zerstörung Troja's bis zur Gründung der trojanischen Kolonie in Sicilien mit grosser Wahrscheinlichkeit auf die sieben Jahre der Irrfahrten des Aeneas vertheilt werden.

Dass ich auch die hier nicht erwähnten Bemerkungen gelesen habe, werden viele Stellen des Commentars und des Anhanges zeigen. Die Erwähnung, Benutzung oder Widerlegung aller Beiträge ist mit der Bestimmung einer Schulausgabe unvereinbar.

Zu besonderem Danke fühle ich mich noch den Gymn. Lehrern Herren O. Guthling in Liegnitz und Dr. Vorlaender in Saargemünd verpflichtet, welche mir ihre werthvollen Sammlungen zur Erklärung des Vergil gütigst zur Verfügung gestellt haben. Berlin, im März 1877.

C. Schaper.

P. VERGILI MARONIS

A EN EIDOS

LIBER PRIMUS.

Ille ego, qui quondam gracili modulatus avena
Carmen, et egressus silvis vicina coëgi,
Ut quamvis avido parerent arva colono,
Gratum opus agricolis, at nunc horrentia Martis

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Arma virúmque cano, Troiae qui primus ab oris
Italiam fato profugus Lavinaque venit

Seesturm. Aeneas bei der Dido in Carthago.

Ille ego. Der Verfasser dieser vier einleitenden Verse ist unbekannt; hat Verg. sie verfasst, so hat er seine Aeneide doch sicherlich erst mit den Worten Arma virumque cano begonnen. Was die Grammatiker über diese Verse berichten, ist Einl. p. 6 mitgetheilt. modulatus, näml. sum, s. z. A. II, 25.

1-7. Inhalt des Epos: die Kämpfe und Irrfahrten des Aeneas. Das fatum hat den Aeneas zum Gründer eines Reiches in Italien bestimmt, die ihm feindlich gesinnte Juno aber sucht die Erfüllung des Fatum hinauszuschieben: darum hält sie ihn lange von Italien fern und verschlägt ihn in andere Länder, aus denen ihn die Macht der Götter, welche für die Erfüllung des Fatum Sorge tragen, nach kurzer Rast weiter treibt. Als er endlich in Italien angekommen ist, erregt ihm die Juno blutige Kriege, bis es ihm zuletzt gelingt, Lavinium zu gründen und den mitgebrachten Göttern Anerkennung und Verehrung in der neuen Heimath zu verschaffen. Die Vergil II. 8. Aufl.

Folge davon ist die Vereinigung der Trojaner und der Ureinwohner Italiens unter dem Namen der Latini, die Gründung Alba's und endlich die Erbauung Roms. So erkennen wir aus dieser Einleitung: 1) den Plan des Dichters, in seinem Epos Schlachtengemälde zu entrollen, wie sie die Ilias bietet, und Abenteuer vorzuführen, wie sie uns in der Odyssee entgegentreten; 2) den religiösen Sinn des Dichters, dem alle menschlichen Handlungen durch das Walten der Gottheit bedingt sind; 3) den Nationalstolz Vergils, der sich in der Wahl des Stoffes zeigt, und seinen Ausdruck findet in v. 33.

1. primus. Das von dem Trojaner Antenor gegründete Patavium (s. unten v. 242-49) wurde nebst der ganzen Gallia cisalpina erst unter Augustus ein integrirender Theil Italiens.

2. Lavinaque vgl. d. Anh. que ist explicativ und zwar (s. z. A. VII, 666). Lavina litora wird das Ufer genannt, auf welchem Aeneas die Stadt Lavinium gründen sollte.

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