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Nacheiferung Vergils und der angestrebte Vereinigungsversuch des theologischen Dogmas mit der klassischen Form geschah in der Überzeugung, es mit harmonierenden Mächten zu tun zu haben. So finden wir nicht nur einen ausgiebigen Gebrauch der Namen Phoebus, Neptun, Thetis, Diana usw., nicht nur eine ganze dem Orpheus-Eurydikemythus gewidmete Strophe (Purple Island Canto V) zur Illustration der von den sacred Muses' inspirierten Musik, sondern die Gesangesanfänge (III. VI. IX.) bewegen sich durchaus in heidnischer Anschauungswelt, ohne dass es dem Dichter zum Bewusstsein kommt.1) Immerhin das religiöse Gefühl ist empfindlich geworden, und neben den genannten Stellen finden sich doch deutliche Anzeichen einer Differenzierung: zunächst wenn unter Benützung des Platonismus der höhere Eros gegen den niederen ausgespielt wird,*) dann die Kontrastierung der christlichen Muse gegenüber der antiken (C. I):

Tell me, ye Muses, what our father-ages

Have left succeeding times to play upon:

What now remains unthought on by those sages,
Where a new Muse may try her pinion,

vor allem aber die Stellungnahme des Autors selbst in einer diskreditierend angewandten Mythologie. Wenn nämlich (C. VIII) Bacchus zur Illustrierung des Lasters der Trunkenheit herangezogen wird und der personifizierte Ehebruch (C. VII) als Wahrzeichen

in his shield he lively portray'd bare

Mars, fast impound in arms of Venus' light,
And ty'd as fast in Vulcan's subtil snare.. etc.,

...

1) III/I The morning fresh, dappling her horse with roses,
(Vext at the ling'ring shades that long had left her,
In Tithon's freezing arms the light discloses
VI/I The Hours had now unlock'd the gate of day,
When fair Aurora leaves her frosty bed,
Hasting with youthful Cephalus to play ...

IX/I The bridegroom Sun, who late the Earth had spous'd
Leaves his star-chamber; early in the east

He shook his sparkling locks ..

While Morn his couch with blushing roses drest.

*) Der Unterleib ist die Stelle: where Venus and her wanton son (Her wanton Cupid) will in youth reside', während die Leber der Sitz der edleren Gottheit ist: Within some say, Love hath his habitation,

Not Cupid's self, but Cupid's better brother' (C. III).

so ist der Dichter zwar noch völlig abhängig von der Mythologie; da er sie aber weniger als Kunstmittel benützt sondern als warnendes schlechtes Beispiel, ist in solcher rein moralischen Ausschlachtung der Loslösung vorgearbeitet. Auch hebt sich die Wirkung der Illustration selbst auf, wenn die Kraft des Glaubens (Faith) mit dem Antaeuskampf verglichen wird (C. IX), dieses Bild aber eingeleitet ist: 'so some have feign'd that ...

Gegenüber Phineas wirkt die Verwendung der Mythologie in seines Bruders Giles Christ's Victory and Triumph' organischer, organischer deshalb, weil sie in dem Stoff angenäherter, also von ihrer Wurzel losgelöster, Weise verwandt wird. Gewiss erscheinen die antiken Gottheiten völlig unpassend neben den Abstraktionen von Justice, Mercy, Delight, Eternal Joy usw., die einen neuen unanschaulichen Himmel mit einer trotz aller Beschreibung abstraktbegrifflichen mythologischen Hierarchie bevölkern. Und die in Nacheiferung seiner Vorbilder der christlichen Nachahmer Vergils: Sedulius, Prudentius usw., vor allem aber du Bartas, Sanazaro und Spenser zur Belebung verwendeten stereotypen Epitheta wie 'proud Neptune', 'fat Bacchus', 'chaste Diana' usw. passen sicher nicht zum Geist der Dichtung, aber sie stehen an Zahl und Gewicht zurück hinter einer Mythologieverwendung in anderem Sinne. Einmal wird ich erinnere an das bei Milton besprochene Beispiel aus P. R. durch Vergleich mit den der mythologischen Erzählung anhaften den ethischen Werten die Beschreibung der Gewissensqual eines Menschen intensifiziert und aus der abstrakten Sphäre gehoben: Pentheus und, besonders ausgemalt, Orest fügen sich verhältnismässig gut der christlichen Darstellung ein und erhöhen sie durch die Bildlichkeit (wobei das Bedenkliche, dass dieser Stoff solcher Hilfen bedarf, der Betrachtung des letzten Kapitels überlassen bleiben muss). (C. III.) Gleich plastisch wirkt die Heranziehung der Circemythe (C. II), wobei ausser der moralischen Verwertung auch schon ausgesprochene Stellungnahme des Dichters sich kundgibt, indem vom Olymp als von 'this false Eden' gesprochen wird und von Christus als Vorbild gesagt ist:

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Fly, fly thou holy Child, that wanton room,
And thou my chaster Muse, those harlots shun.

Diese Parteinahme des Dichters

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immer wieder Milton vordeuzeigt sich dann einerseits in dem Gebrauch der Mytho

logie zur Kontrastwirkung,1) anderseits durch ihre Einstellung in christlichen Dienst:

One of her Graces she (Mercy) sent hastily

Smiling Eyrene, that a garland wears

Of guilded olive . . . (C. I).

Schliesslich spricht der Dichter auch deutlich seine Ansicht aus, wenn im argument' vom ersten Gesang die von der Sprecherin Justice erwähnte klassische Mythologie unter all kind of idolatry' eingereiht ist.

Die Renaissancetradition ist immerhin so mächtig, dass noch in den kleinen religiösen Epen von Francis Quarles mythologische Namen überaus häufig begegnen: Aeolus, Boreas, Endymion, Neptun, Thetis, Pluto usw. (vgl. Div. Poems. Lond. 1638 pp. 9; 14; 19; 26; 28). Künstlerisch kann solche Verwendung allerdings einen gewissen Sinn haben als Überwindung des Genrehaften wie in den Zeilen: As in a soultry summers evening tide

When lustful Phoebus re-salutes his Bride

And Philomela 'gins her caroling ... (p. 16);

aber dieser Effekt ist zufällig, wie die zahlreichen blutlosen Personifikationen: Tymissa, Prudentia, Oratio, Fidissa, Justitia usw. ebenso beweisen wie die ständigen Horazmottos, die als herausgerissene Stücke zu den Paraphrasen der Geschichte Esthers, Hiobs usw. keine innere Beziehung haben. Seine gänzlich unsinnliche, schon dem Geist antiker Mythologie zuwiderlaufende sonstige Darstellungsweise, die auch eine allegorisch-rationalistische Mythenausdeutung über die Moral hinaus ganz ins Abstrakte verflüchtigt,*)

1) Zur Schilderung des himmlischen Glücks (C. II):
Not lovely Ida might with this compare,

Though many streams his banks besilvered,

Though Xantus ....

Nor Hybla, though

No Rhodope, no Tempe

Adonis' garden was to this but vain,

Though Plato on his beds a flood of praise did rain.

(Vgl. S. 55 Anm. 1).

2) Die Geburt der Minerva aus dem Haupte Jupiters sei 'in a wider note' aufzufassen:

The Morall sayes, All Wisedome that is given
To hood-wink'd mortals, first proceeds from heaven,
Truth's errour, Wisedome's but wise insolence
And light's but darknesse, not deriv'd from thence.

(Job Militant. Div. Poems p. 222).

findet folgerichtig Ergänzung in gelegentlicher Herabsetzung der klassischen Mythologie, die als unfähig dargestellt wird, ein Letztes auszudrücken (Dolor Inferni p. 77) und in Seitenhieben auf die antike Philosophie (z. B. Pious Meditation p. 71).

Auf dem Gebiet der Lyrik ist naturgemäss die Mythologie von geringerer Bedeutung und spielt in den religiösen Dichtungen von George Wither z. B. überhaupt keine Rolle mehr. Einzig die Zwischengattung des Pastorals erhält scheinbar das antike Gewand; es ist jedoch nur eine dünne Verkleidung, die nicht antik-heidnisch empfunden wird, ist de facto eine Morallektion gar nicht in antikem Gewand, nur in abstrakten Typen mit griechischer Namengebung. Die Anspielungen beschränken sich auf das fürs Jäger- und Hirtenleben Unvermeidliche, so dass also immer wieder Diana als die Schutzgöttin der Keuschheit, und vor allem der Hirtengott, der mit Christus identifizierte Pan, auftreten. So bei Andrew Marvell (z. B. Damon the Mower, Clorinda and Damon), so aber auch bei allen anderen Pastoraldichtern, deren Heranziehung sich hier erübrigt. Marvell selbst übrigens ist hier insofern noch von Interesse, als auch in seinen lyrischen längeren Gedichten die bekannten Stufen der Mythologie-Entheidnisierung bzw. Verdrängung sich aufweisen lassen: Gott wird als höchstes Prinzip der heidnischen Legende eingefügt: 'So when Amphion did the lute command,

Which the God (gross!) gave him, with his gentle hand,

The rougher stones, unto his measures hewed,

Danced up

,

(The First Anniversary of the Government under his highness the Lord Protector);

eine christlich-mythologische Neuschöpfung tritt ein 'Vera the nymph' (Upon the Hill and Grove at Billborow); eine Ablehnung wird ausgesprochen:

But name not the Idalian grove,

For 'twas the seat of wanton love;
Nor e'en the deads' Elysian fields,

Yet not to them your (Appleton House's) beauty yields (App. H.); und schliesslich ist ein Vordrängen der Bibel über die Antike merklich, z. B. When Gideon so did from the war retreat... And Israel, silent, saw him rase the tower', was in dieser Hymne auf Cromwell (First Anniversary) ja auch stilrichtiger ist.

An dieser fortschreitenden Eindämmung der klassischen Mythologie hatten zweifellos die Theaterpamphlete der Puritaner grossen Anteil, denn dort wurde ja die Mythologie als Grund der mora

lischen Verwerflichkeit der Dichtung betont: All these whome the Poetes haue called gods and goddesses were bastards begotten in adulterie', und verfehlte sicher nicht Eindruck zu machen auf eine Zeit, die noch nicht imstande war, die gänzliche Verständnislosigkeit der Antike gegenüber1) als das Argument entkräftend zu erkennen. Solche Tendenz barg nach der einen Seite hin einen Vorteil, indem die mittelalterliche Art, wie noch bei Skelton in 'Phyllyp Sparowe Jupiter und Gott zugleich angerufen wird und der ganze Hades aufmarschiert, auch solcher Kritik, die keiner Erfassung der Antike sich rühmen konnte, und der ästhetisches Verständnis abging, unmöglich erscheinen musste. Sie wirkte auch über das puritanische Lager hinaus und schaffte die breiteste Basis für eine religiöse Dichtung, 2) die in epischer Dichtung in Milton dann gipfelt, in lyrischer allerdings (wie später zu zeigen sein wird), mehr ausserhalb des Puritanismus zu dichterischer Höhe sich erhob.

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1) Die zitierte Stelle ist aus Gosson: An Apologie of the Schoole of Abuse. Arber Reprints p. 66 f. Sie lautet im Zusammenhang, zugleich als Beispiel (eines statt vieler) für die Einstellung der nicht (oder nicht mehr) dichtenden Puritaner: Jupiter was but a mortall man and almost a parricide .. Venus a notorious strumpet, that lay with Mars, with Mercurie, with Jupiter, with Anchises, with Butes, with Adones . . . All these whome the Poetes haue called gods and goddesses were bastards begotten in adulterie . . Saturne.. was a varlet that gelded his own Father Apollo was a Schoolemaister of periurie; Mars a murderer, Mercury a theefe . . . Flora a curtezan that got infinite summes of money by sinne'. Bei Stubbes ist die klassische Mythologie nur mehr als Vogelscheuche verwendet (p. 143).

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...

2) Vergleiche: Abraham Cowley: Preface to Poems 1656 (Spingarn II/89 f.) (mythologie) there was no other Religion, and therefore that was better then none at all. But to us who have no need of them, to us who deride their folly and are wearied with their impertinencies, they ought to appear no better arguments for Verse then those of their worthy Successors, the Knights Errant. What can we imagine more proper for the ornaments of Wit or Learning in the story of Deucalion then in that of Noah? why will not the actions of Sampson afford as plentiful matter as the Labors of Hercules? why is not Jephta's Daughter as good a woman as Iphigenia, and the friendship of David and Jonathan more worthy celebration then that of Theseus and Perithous? Does not the passage of Moses and the Israelites into the Holy Land yield incomparably more Poetical variety then the voyages of Ulysses or Aeneas? Are the obsolete threadbare tales of Thebes and Troy half so stored with great, heroical, and supernatural actions. as the wars of Joshua, of the Judges, of David, and divers others? Can all the Transformations of the Gods give such copious hints to flourish and expatiate on as the true Miracles of Christ, or his Prophets and Apostles? .. All the Books of the Bible are either already most admirable and exalted pieces of Poesie, or are the best Materials in the world for it.'

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