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in der Folge schon der Angriff des P. R. sich ankündigt'), oder eine Stelle wie die folgende, wo der Vergleich statt des üblicheren Komparativs in der Negation die Stellungnahme ausdrückt: (P. L. VII/33-39) seine Muse (die 'celestial Urania') möge ihn beschützen, aber nicht so wie die heidnische, die den Thracian Bard vor den Bacchanten nicht schützen konnte: For thou art Heav'nly, she, an empty dream'.

Von da geht dann der Weg zur Deutung und Umdeutung der klassischen Mythologie, zu einer Reihe von Kompromissversuchen, die alle unter dem Gesichtspunkt der Entheidnisierung der Mythologie stehen, oder aber zweitens zur Ablehnung der Mythologie überhaupt. Zunächst: heidnischen Namen werden christliche Personen substituiert. So ist z. B. Pan für Christus gebraucht (C. N. 85 ff.). The shepherds on the lawn,

Or ere the point of dawn,

Sat simply chatting in a rustic row;

Fule little thought they than,

That the mighty Pan

Was kindly come to live with them below*)

Herkules als Christus (Passion 13 f.)

1)

Most perfect hero, tri'd in heaviest plight

Of labours huge and hard, too hard for human wight!)

Wars, hitherto the only argument

Heroic deem'd, chief mast'ry to dissect

With long and tedious havoc fabl'd knights
In battles feign'd ... etc.

Dabei sei nochmals auf die verwandte Erscheinung des beschränkenden Ge-
brauchs der klassischen Mythologie hingewiesen, den Brauch ein mythologisches
Bild einzuleiten mit: „Wenn ein Vergleich möglich ist" oder „um Grosses mit
Kleinem zu vergleichen" u. dgl.

*) Die Identifizierung Pan-Christus ist bereits in der Antike angebahnt, indem im Orph. Hymn. Pan als Substanz des Universums, Himmel, Wasser, Erde, als Vater aller und als Herrscher der Welt angeredet ist. Die etymologische Deutung (nav) war verbreitet. Spenser braucht dieselbe Identifizierung im Sheph. Cal. May 50-53 Lavater, ein Renaissanceschriftsteller (De Spectris) sagt: Pan enim totum significat. Totius autem et universae naturae dominus passus erat.

*) Derselbe Vergleich P. R. IV/562, wobei zu bemerken ist, dass der Vergleich Christus-Herakles schon bei den Kirchenvätern häufig ist. Die Modifizierungen der Mythologie durch Zwischenstufen, wovon der zweite Teil

Ophion als Schlange (P. L. X/580—4)

how the serpent, whom they called

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Ophion, with Eurynome, (the wide
Encroaching Eve perhaps), had first the rule
Of high Olympus, thence by Saturn driven

And Ops, ere yet Dictaean Jove was born

Der Name Busiris wird einem der Unterdrücker Israels zugeteilt Hath vext the Red-Sea coast, whose waves o'erthrew

Busiris and his Memphian Chivalry

(P. L. I/306 f.).

Der Titan Japetus wird mit Japhet indentifiziert (P. L. IV/706 f.) und Chaos erscheint als Fürst der christlichen Hölle (P. L. II/969, u. ö.). 1) Mit solcher Übertragung überspringt Milton den Riss zwischen heidnischem und christlichem Milieu. Es ist weniger ein Verträglichmachen der unverträglichen Welten als eine tour de force, die eine gewisse Konformität mit der christlichen Welt vorgibt und ihn nicht zwingt, das was ihm passt, aufzugeben.")

Dieser Versuch, die Mythen aus ihrer klassischen Gegebenheit in eine, wie ihm schien, höhere Sphäre zu rücken, sie durch die christliche Phantasiewelt zu reinigen, sie ähnlich wie Plato im Phädrus zu Ideen zu sublimieren, nähert ihn eher dem mittelalterlichen Lieblingsbrauch der mystischen Deutung. Sowie es ihm aber gelingt, die Antike etwas aus seinem Gesichtskreis auszuschalten, nähert er sich dantesker Gestaltung, z. B. bei der Schilderung der Weltenwächter Tod und Sünde, oder in reinerer Form bei der Anrufung der neuen Muse, der Sionitin, der Muse der religiösen

dieses Kapitels einen Einblick gab, sind stets zu berücksichtigen. Eine so belesene Persönlichkeit wie Milton kann dabei ebenso gut aus einem Laktanz oder Eusebius wie aus Dante, Boccaccio, Clauser und den Renaissancetheoretikern des zeitgenössischen Italien schöpfen.

1) Auch hier sind Vorstufen, indem sowohl bei Ovid wie bei Vergil Chaos synonym mit Unterwelt bzw. mit einer Gottheit der Unterwelt gebraucht wird.

erst

1) Es liegt nahe, an eine euhemeristische Deutung zu denken. Indessen liegt hier etwas ganz anderes vor. Schon Eurynome-Eva stellt nicht euhemeristische Vermenschlichung vor zum mindesten nicht für uns recht nicht Ophion-Schlange. Es ist biblische Mythologie für antike gesetzt. Bei der Gleichsetzung Pan-Christus ist bereits ein Andeuten der mystischen Interpretierungsweise, desgl. bei Herakles-Christus wie überall, wo die mittelalterliche Theologie vorgearbeitet hat.

Poesie (P. L./1—11; vgl. auch Stern IV/62).1) Aber, wie Seeley mit Recht bemerkt, die Mythologie Dantes, des Katholiken, ist christlich und fügt sich natürlich ein, die Miltons ist griechisch. Es mag Ausnahmefälle geben, wie den von Osgood zitierten, wo Christentum und Antike beinahe zusammengehen,) da lag die klassische Färbung schon in der biblischen Vorlage. Im wesentlichen bewegt sich Miltons Vorstellung in antiker Welt, so sehr, dass aus dem christlichen Gehalt heraus eine Neuschaffung klassischer, also heidnischer, Mythologie nichts seltenes ist: Thee (Melancholie) bright hair'd Vesta long of yore, To solitary Saturn bore etc. (Pens. Z. 23 f.).3) Im Comus erscheinen Youth und Joy als Kinder von Psyche und Celestial Cupid (an Stelle von Apuleius Voluptas, die Spenser schon abgeschwächt als Pleasure wiedergibt), Mirth als Tochter von Zephir und Aurora (statt Venus und Bacchus), 4) und so ist, um die heidnische Mythologie nicht zu verwenden, auf eben der heidnischen Grundlage von ihm, als einem der 'sager poets', eine neue erfunden, die aber darum noch nicht christlich ist; ebensowenig wie wenn Night als Mitregent von Chaos auftritt (P. L. II/969 f.) oder Saturn und Jupiter als Mitteufel erscheinen (P. L. 894-6) und Najaden,

1) P. L. VII/I—II:

Descend from Heav'n, Urania! by that name
If rightly thou art call'd.

The meaning, not the name, I call; for thou,
Nor of the Muses nine, nor on the top
Of old Olympus dwell'st, but Heav'nly born,
didst play

In presence of th' Almighty Father.

2) P. L. VII/370-75:

First in the east the glorious Lamp was seen,
Regent of day, and all th' horizon round

Invested with bright rays, jocund to run

His longitude through heaven's high road; the gray

Dawn, and the Pleiades, before him danced

Shedding sweet influence . . . Vgl. Psalm 19/5—7, Hiob 38/31.

*) Vesta oder Hestia (= Göttin des häuslichen Herdes, Tochter von Saturn und Kronos), gelobte, Jungfrau zu bleiben. Ihrem Vater ist der Ursprung der Kultur zugeschrieben. Deshalb laut Milton: Melancholie = Tochter von Zurückgezogenheit und Kultur. Eine in griechischer Mythologie wahrhaft

heimische Phantasie.

') Vgl. L'Allegro 14-24. Vgl. auch Comus 999-1011 und Massons Aum. (Milton's Poetical Works III/242 f.), ähnlich auch die,,moralische" Genealogie des Comus.

Waldnymphen und ladies of the Hesperides' bei der Versuchung Christi erscheinen (P. R.).

Aber solche Einspannung der Antike in christliche Gedankengänge war nicht restlos zu bewerkstelligen. Notwendigerweise musste der Miltons Phantasie doch so wenig liegende Versuch einer Deutung der antiken Mythologie sich aufdrängen, schon im Bewusstsein, dass er selbst bei seinen Entlehnungen einen zweiten Sinn durch den neuen Rahmen betonte, nämlich eine moralische Wirkung. Im Penseroso steht die Zeile (120) 'more is meant than meets the ear' und im Comus heisst es (513-19):

'Tis not vain or fabulous

(Though so esteemed by shallow ignorance)

That the sage poets, taught by the Heavenly Muse,
Storied of old in high immortal verse

Of dire Chimeras and enchanted isles,

And rifted rocks whose entrance leads to Hell;
For such there be, but unbelief is blind.'

--

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Dabei ist nun weniger an die mystische Auslegung zu denken Milton war zu sehr Feind der scholastischen Auslegungsmethoden (vgl. Dowden, Anglican and Puritan p. 171), seine ganze Veranlagung war nicht darnach eingestellt vielmehr ist es die bestimmte moralische Wertung, die mythologischen Erzählungen und Persönlichkeiten nach seiner Meinung anhaftet, und die er herausheben will. Dieser ethische Wert der Dichtung stand ihm so hoch, dass er selbst in der berühmten Absage im P. R. dafür eine Ausnahme macht: (IV/351) unless where moral virtue is express't', und dieser Auffassung gemäss vollzieht er eine Umdeutung Reinigung oder Entstellung, je nach dem Standpunkt der an sich „Gutes und Schlechtes" enthaltenden klassischen Mythologie, durch moralische Auswahl. Beispiele solcher Umdeutungen haben wir schon kennen gelernt, sie mussten auch zu einer zwiespältigen Haltung führen, indem statt blossen Übergehens,,unpassender" Stellen ab und zu eine Stellungnahme sich notwendig erwies (vgl. Bacchus s. o. und All. und P. L. VII/30 ff.), ja eine Gottheit einmal gelobt und in anderem Zusammenhang geschmäht werden musste (bes. Zeus). Milton hätte sich auf das schwankende Gebiet nie eingelassen, hätte er nicht glänzende Beispiele aufzuweisen, wo durch Vergleich, nicht der Mythen, sondern der Moral der Mythen der Eindruck zeitloser Grösse erreicht wird. Dafür diene folgendes Beispiel, wo die Moral dreier Ereignisse zum Vergleich herange

zogen sind: (das Folgende nach Osgood) alle zeigen sie den Sieg eines Helden, den Sieg des Rechts über das Unrecht, des Lichts über die Finsternis, die für Generationen er wirkte Entscheidung: (P. R. IV/562—69; 572-76)

But Satan, smitten with amazement, fell.
As when Earth's son, Antaeus (to compare
Small things with greatest), in Irassa strove
With Jove's Alcides, and, oft foil'd, still rose,
Receiving from his mother Earth new strength,
Fresh from his fall, and fiercer grapple join'd,
Throttl'd at length in th'air expir'd and fell;
So

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And, as that Theban monster that propos'd

Her riddle, and him who solv'd it not devour'd,
That once found out and solv'd, for grief and spite
Cast herself headlong from th' Ismenian steep,

So .

Selten indes war ein solcher Effekt zu erzielen. Dem völlig die christliche Anschauungswelt Anerkennenden musste, sofern er Miltons klare Erkenntnis und Konsequenz besass, das Nicht-endgültige dieses, wenn auch zugunsten des Christentums gewendeten, Kompromisses störend sich erkennbar machen. Die letzte Phase der Miltonschen Verwendung der klassischen Mythologie, die sich indessen schon recht früh ankündigt, ist folglich die Ablehnung. Lange schon parallel laufend mit der oben besprochenen Kontrastverwendung finden wir Äusserungen, die in klassischer Mythologie Fallen des Bösen sehen, und folglich die Glaubwürdigkeit der Mythen bezweifeln Elysian fields [if such there were] (Death of F. I. I/40); Hesperian fables (P. L. IV/250); Titans and Giants whom fables name of monstrous size (P. L. I/197) und zahllose andere Stellen,1) die dann schärfer das Christuskind die heidnischen Gottheiten in die Flucht schlagen lassen (Nat. H.), das Orakel die Stimme Satans nennen) und alle Gottheiten dessen Gefolge zuweisen, (P. L.), und die schliesslich in einer gewaltsamen Entladung gipfeln, welche den

1) Die Bedeutung des Wortes 'fable' für den Kalvinisten ist im letzten Kapitel erläutert. Es ist das, was die Bibel verbietet.

2) Vgl. Nat. H. 173–236 (vgl. Massons Anm. Milton's Works III/157) u. P. R. I/456-9. Es ist das übrigens eine bestimmte frühchristliche Anschauung, die hier bei Milton ein Echo findet.

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