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half. Gerade das Unmystische des Puritanismus, dass nicht ein einzelner Denker diese Konsequenzen zog, sondern dass eine breite Masse selbst tätig war und Bunyan nur ihr Sprecher ist, half die Versinnlichung und damit den künstlerischen Wert stärken.1) Ist solcher Erfolg eigentlich ein Widerspruch zu puritanischer Weltanschauung und im Dichterischen, nicht im Puritanischen der angeführten Persönlichkeiten begründet, so treffen wir noch weitere. Hemmnisse dichterischer Äusserung durch puritanisches Denken und Fühlen. Die schöpferische Dichtung, die Sidney noch an erster Stelle nannte, ist gehemmt, weil der Puritaner bei allem, wenn er ,,begnadet wird, es SO zu nützen“, sich immer wie unter dem Auge seines grossen Werkmeisters fühlt" (Miltons Sonett: How soon hath Time, the subtle thief of youth . . .); ein Fabulieren im höheren Sinn, der freie Flug der Phantasie ist unmöglich. Gleichfalls fehlt das Expansive; Milton sagt in 'On his Blindness':

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thousands at his (Gottes) bidding speed, And post o'er land and ocean without rest; They also serve who only stand and wait...

Dies Gefühl der Sicherheit ist dem Puritaner nötig und das steht am Gegenpol der Grenzenlosigkeit, wie sie sich z. B. im elisabethanischen Drama äussert. Das zeigt sich auch im Verhalten gegenüber der Leidenschaft (und damit ihrem Werte für die Kunst). Das äusserste Misstrauen gegen dies fever in the mind, which ever leaves us weaker than it found us' (Penn I/279), das deprives us of the use of our judgment (281), das may not unfitly be termed the mob of the man, that commits a riot upon his reason' (283) ist für künstlerischen Ausdruck nicht günstig. Zumal das Sexuelle muss völlig ausscheiden. Solche inhaltliche Bildung ist umso verhängnisvoller, als der leidenschaftliche Ersatz: Glaubensfanatismus und Moralenthusiasmus künstlerisch unergiebig ist.

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Durch die puritanische Epoche wurde die Einheit nationalen Kunstempfindens aufgelöst. In die Freude am Schönen drängte sich der Ernst der Reflexion. Bürgerliche Arbeit, politischer Kampf,

1) Es ist dasselbe, was Bunyan erlebte, als er die Bibel las; er las sie nicht als Literatur, sondern als Schicksalsbuch, aber unwillkürlich wurde sie ihm zur Literatur, seine Phantasie und seinen Stil formend. So entgeht gerade diese Richtung puritanischen literarischen Schaffens der Gefahr, Beobachtungen auf Abstraktionen zu häufen. Die Versinnlichungskraft bat umgekehrt auf die Theologie zurückgewirkt (vgl. Tulloch / Puritanism and its Leaders p. 264).

kalvinistische Strenge und Ausschliesslichkeit hat mit dem in den Vordergrundtreten des bürgerlichen Mittelstandes, dessen Weltauffassung dem künstlerischen Weltbild nie gerecht werden kann, das Gefühl für absolute Dichtung verkümmert zugunsten von einem Werten aus Zustimmung oder Ablehnung im Sittlichen.

Wenn wir zusammenfassend, trotz grossen Einflusses auf die Literatur und mancher grossen puritanischen Dichtwerke, die oft ungewollt entstanden, sagen mussten, dass eine innere Beziehung des Puritanismus zur Literatur nicht bestanden hat, so müssen wir dasselbe vom Verhältnis des Puritanismus zur Wissenschaft sagen. Auch hier, wie in der Dichtung, ist wissenschaftliche Bedeutung oft wider Willen fast errungen worden. Wie schon so oft ist die Parallele mit dem frühen Christentum ins Auge fallend (auch Mullinger I/7 verweist darauf); wie Augustinus (und nach ihm Gregor der Grosse) in der Zeit des zu Ende gehenden römischen Reiches in der Überzeugung 'finis venit universae carnis' auf weltliche Gelehrsamkeit keinen grossen Wert legen konnte, so musste aus der Gedankenwelt des Puritanismus eine ähnliche Einseitigkeit hervorgehen. Aber der extrem puritanische Standpunkt, der sich nur auf die Bibel gründete, fand sich ungerüstet gegenüber seinen Gegnern, die über eine reiche biblische, patristische, kirchengeschichtliche und oft auch klassische Gelehrsamkeit verfügten. So fanden sich die puritanischen Verteidiger notwendigerweise gezwungen, selbst auf Autoritäten, Kirchenväter, Urchristentum, ja auf die heidnische Antike zurückzugreifen. So blieb zwar im puritanischen Wollen, wie Green es ausdrückt, England 'the people of one book, and that book the Bible', aber die um dies Buch konzentrisch sich fügende Wissenschaft zog weite Kreise. Die auf die ursprüngliche reine Fassung abzielende Bibelkritik, die das griechische Studium der Humanisten eingeleitet, zog eine weitere Beschäftigung mit den antiken Sprachen, Literaturen, staatlichen und sozialen Einrichtungen nach sich, und es war unumgänglich, dass sich gelehrte Methoden ausbildeten. Je mehr aber der Standpunkt zum Puritanismus neigte, um so weniger war man gewillt, das gelehrte Interesse anders als in religiösem Dienst zu verwenden. Hatten wir schon bei den Humanisten eine durchaus religiös und bald reformatorisch-protestantisch eingestellte Forschung kennen gelernt, die in den Schulgründungen mit ihrer biblischen und theologischen Färbung stark zum Ausdruck kam, so ist jede andere Einschätzung der Wissenschaft denn als ein Mittel den Puritanern

völlig undenkbar. Baxter sagt: 'I mist that part of Learning which stood at the greatest distance (in my thoughts) from my Ultimate End (though no doubt but remotely it may be a valuable means) . . .' (Rel. Baxt. p. 6) und wir brauchen nicht mehr seine ausdrückliche Versicherung, dass Sprachenstudium ihm nur als 'study of words' gelte, um zu wissen, dass die so verstandene Wissenschaft eine von den Puritanern immer wieder im theologischen Kampfe bitter vermisste Kasuistik war. So aufgefasste Wissenschaft musste ein Ziel sehen in einem Werk wie dem 1661 veröffentlichten griechisch-englischen Wörterbuch aller im N. T. vorkommender Wörter, dessen Verfasser alle nonkonformistische Geistliche waren (Caryl, Cockayne, Venning, Dell, Barker, Adderley, Mead, Jessey). Alles andere war ein Wiederbeleben patristischer Gelehrsamkeit (die durchaus nicht auf Geistliche und Anglikaner beschränkt war, an der z. B. Jeremy Taylor, Robert Burton, Thomas Browne, Prynne und Whitaker in gleicher Weise Anteil hatten) oder aber die Fähigkeiten waren von der unfruchtbarsten Tätigkeit absorbiert: vom Auswendiglernen der Bibel und anderer Schriften wie etwa Foxes Book of Martyrs, und von der Bibelinterpretierung. Um das Mass der letzteren zu erfassen, vergegenwärtige man sich, dass ein Joshua Hoyle in fünfzehn Jahren Vers für Vers der Bibel interpretierte, dass A. Hildesham 1635 einhundertundzweiundfünfzig Predigten über den LI. Psalm hielt, dass Gatakers Bibelannotationen einen starken Folioband füllten usw. Aber der Geist der Wahrheitsliebe, der unerbittlichen Rechtlichkeit, Konsequenz und Klarheit, den Baxter einmal dahin ausspricht: I could never from my first Studies endure Confusion! Till Equivocals were explained, and Definition and Distinction led the way, I had rather hold my Tongue than speak' (Rel. Baxt. p. 6) wurde der aufsteigenden Naturwissenschaft und Philosophie vererbt.

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Dies half auf dem eigentlichen Gebiet der Puritaner, der Kanzelberedsamkeit, einen Stil logischer Präzision schaffen, umso wirkungsvoller, als der von ihnen gepflegte Sprechstil den Eindruck auf die Zuhörer nicht verfehlen konnte. Damit wandte sich die puritanische Art des Predigens von vornherein gegen die auch von den Anglikanern gepflegte Renaissancepredigt.1) Ein Jeremy Taylor fühlte

1) Zur Renaissancepredigt vgl. B. Croce/I predicatori italiani del Seicento 1899, St. Beuve / Port Royal und Jacqinet / Les prédicateurs du XVII. siècle 1885, Ticknor und Gaudeau/Les prêcheurs burlesques en Espagne au XVIII. siècle 1891 (Spingarn XXXVIII), H. Blair/Lecture XXIX (1801 Bd. 2)

sich gehemmt durch das puritanische Streben nach nackter Wahrheit, er musste stets fürchten, durch einzelne Sätze bei einzelnen Zuhörern Anstoss zu erregen, die puritanische Wertschätzung logischer Deduktion war ein stetiges Gegengewicht gegen die literarische Aufmachung, gegen die direkte emotionale Einwirkung. Deshalb konnte in England die Predigt nicht in gleichem Masse wie in anderen Ländern (Fénelon, Bossuet!) Literatur werden; kaum jemand wird puritanische Predigten lesen, der nicht die theologische Auffassung des Autors teilt (schon die Predigten Donnes sind als Gegensatz lehrreich). Die puritanische Predigt reproduzierte unbewusst die bekämpften mittelalterlichen Unterscheidungen des

und die Geschichten der Predigt von Rothe (1881), J. Ker (1887), Dargan (1905). Vgl. auch Gosse/J. Taylor (Men of Letters), bes. p. 213 ff.

Es ist hier nicht der Ort, ausführlicher auf die Geschichte der Predigt einzugehen, schon deshalb nicht, weil die Predigt ja kein Vorbild in der Antike hat. Allerdings, sowie man sich nicht nur an das nächste Vorbild der Paulinischen Briefe hielt und auf die Predigt des frühen Christentums zurückging, fand man eine ganz von den Kunstformen der Rhetorik beherrschte Kanzelberedsamheit vor. Basilius, Gregor von Nazianz, Chrysostomus haben die heidnischen Professoren der Rhetorik studiert (Wendland S. 92). Dasselbe Gefühl, dass die Predigt zur Literatur gehöre, hat in der Renaissancepredigt ähnliche Resultate gezeitigt. Und zwar international. Vertreter solcher Predigt sind in England z B. Corbet (Kaplan von James I.) und King (der Freund Donnes und J. Waltons), beide natürlich scharfe Puritanergegner. In solcher Predigt kommen zahllose Zitate aus antiken Autoren vor, die Concetti der Italiener, und burleske Elemente, die das Interesse des Hörers wachhalten sollen. In der Illustration des Bibeltextes wird eben die ganze Belesenheit und das ganze Wissen des Predigers aufgeboten, der sein Gut wahllos aus Antike, Geschichte, Legende, Naturwissenschaft nimmt und in euphuistischem Stil aufputzt. Der euphuistische Vortragsstil hat sich auf der Kanzel sogar noch länger gehalten als in der eigentlichen Literatur. Auch bei dem Puritaner Adams spielt neben geschickter Antithese die Allegorie noch eine grosse Rolle, ebenso wie die mit allem Raffinement ausgeklügelte Disposition (vgl. z. B. p. 90 ff., 271 ff., einmal, p. 352, ist eine ganze Folioseite vom Dis positionsschema eingenommen). Solche Predigt ist als literarisches Kunstwerk gedacht und ausgeführt, schien aber ihre seelsorgerischen Zwecke immer weniger zu erfüllen. Der erste kritische Ausdruck des neuen, einfachen Geschmacks findet sich dann bei J. Wilkins 1646 in Ecclesiastes, or a Discourse concerning the Gift of Preaching as it fals under the Rules of Art. J. Glanvill in An Essay concerning preaching (Spingarn II/275) 1678 bezeichnet es als vanity which is an affected use of scraps of Greek and Latin, things of no Service to the vulgar, by whom they are not understood; and by the wise they are now generally despised'. An dieser Wendung des Geschmacks hatten die Puritaner wesentlichen Anteil.

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wörtlichen, moralischen, allegorischen und mystischen Sinnes im Bestreben, eine bis ins einzelne gehende Analyse des Textes zu geben, das, was der Prediger als Kern der Lehre auffasst, herauszuschälen und die Nutzanwendung eindringlich zu machen. Anderseits aber, gerade weil die puritanischen Geistlichen nicht gleichzeitig Literaten waren (wie ein Donne, Herbert, Taylor), weil sie Latimers einfache Predigt fortsetzten, weil sie, den humanistischen Fehden gegen das aufdringliche, gelehrte, fremde Wort konform, stets die Mahnung to be plain' aussprachen. gelang es ihnen, auch an die ungebildeten Pfarrkinder möglichst gründlich heranzukommen eine Haltung, der sich auch die Anglikaner, sofern sie wirksam Konkurrenz machen wollten, annähern mussten (vgl. dazu Schöffler S. 140 f.). Natürlich geht auch bei den Puritanern die Ablösung von der früheren Form langsam vor sich und die feste Struktur hält sich bei den bedeutenderen Predigern, obwohl das puritanische Bestreben, die Predigt zum Zentralpunkt des Gottesdienstes zu machen, die end- und formlose Predigt (die damit als literarische Gattung gänzlich ausscheidet) fördert. Ein Thomas Adams, als Shakespeare der Kanzelberedsamkeit der Puritaner gepriesen, ist noch nicht volkstümlich, und der nüchterne puritanische Ton, der auf das Amüsante der Renaissancepredigt völlig verzichtet, der sich eher einer gelehrten Abhandlung nähert, ermüdet. Um die Mitte des 17. Jahrh. spricht und schreibt dann ein Baxter schon einfach und natürlich, in gut gewählten Ausdrücken, aber schmucklosen Worten und klaren Konstruktionen, wie ein einfach gebildeter Mann etwa sich ausdrücken würde. Der bewundernswerte seelsorgerische Erfolg Baxters zeigt, dass die Zeit für jede andere Art Predigt vorüber war; wiederum bewährte sich der Puritanismus in der praktischen Tat.

Es wurde versucht, den Puritanismus als Glied der geistigen Entwicklung darzustellen, nicht loslösbar und nicht isoliert. In seinen Ursprüngen eng verbunden mit dem englischen Nationalcharakter, mit dem religiösen Denken des Urchristentums, mit dem Humanismus und der Renaissance, in seinen Folgen mit dem englischen Staatsgedanken, mit der Toleranzidee, der Scheidung von Wissenschaft und Religion, hat der Puritanismus auf seine Weise einen neuen Begriff vom Menschen heraufführen helfen. In seinem tiefgreifenden religiösen Einfluss hat er weit über die theologische Sphäre hinausgewirkt und auf die Masse des Volks welt

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