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sichtbare eben nicht notwendig antagonistische Mächte wie für den Puritaner, sie können auch ihm verschiedene Aspekte einer Realität sein: die kirchlichen Riten und die Anrufung Gottes, das Sinnbild und seine Bedeutung. Das Sinnliche ist das Gefäss des Übersinnlichen. Mit Andrews, Donne, Williams, Laud war, was von Kalvinischem in der anglikanischen Kirche war, einstweilen geschwunden; der Kalvinismus wurde der ausschliessliche Besitz der Puritaner. Deshalb klaffte erst mit dem Puritanismus der heillose Gegensatz wesensfremder Kulturen.

Ein politischer Gegensatz zweitens zu den Kavalieren. Schon der Presbyterianismus, den man als kirchliche Demokratie bezeichnet hat, erst recht aber die extremeren puritanischen Richtungen standen dem feudalen Staat, wie es das ältere England im wesentlichen war, fremd gegenüber. Bei dem Zusammenhang zwischen Kirche und königlicher Gewalt mussten die Puritaner eine Bedrohung der königlichen Suprematie bilden. Infolgedessen haben auch viele leitende Staatsmänner, die wie Leicester selbst puritanischer Denkweise nahestanden,1) bei dem immer mehr sich betonenden Gegensatz ihre Hand zur Unterdrückung der Puritaner geliehen die ersten Schatten der Revolution. Übrigens äusserte sich dieser Gegensatz auch in Äusserlichkeiten wie der Kleidung. Der Puritaner trug seine Gleichgültigkeit der Kleidung gegenüber geflissentlich zur Schau - man denke nur an Cromwells Auftreten im Parlament

und bildete

dadurch den schärfsten Gegensatz zu der Modewut der elisabethanischen Zeit. (Harrison/Description of Engl. besonders Bk. II/130 ff., Stubbes, passim, Gascoigne [Works I/346] Ascham, u. a. m.). Derselbe Gegensatz zwischen dem Euphuismus der höfischen Ausdrucksweise und der Bibelphraseologie der Puritaner, zwischen der höfisch gemessenen Geste und dem leidenschaftlich eifernden Pathos, zwischen Feminismus und outrierter Männlichkeit, zwischen dem Prahlen mit dem Laster und dem überpeinlich reinen Lebenswandel. Ein Gegensatz endlich der geistigen Kultur. Das englische 16. Jahrhundert war ein weltliches Jahrhundert. Auch Elisabeth förderte die weltfreudige Bildung der Renaissance, höfisch-gelehrter wie volkstümlicher Kunst wurde Schutz zuteil. Diese Tradition wird ins 17. Jahrhundert hinübergeführt: van Dyck lebte am Hofe Karls I., Inigo Jones war Oberinspektor der Bauten. Bischof Laud stellte die Idee der Schön

1) Dudley, Earl of Leicester, war Haupt der den extremen Protestanten zuneigenden Partei am Hof; er verhinderte die Sanktion des Privy Councils für Parkers 'Book of Articles' und war Schützer Cartwrights.

heit der Heiligkeit in den Gottesdienst der anglikanischen Kirche ein. Eine Welt trennt den Puritanismus davon.1)

War dieser Puritanismus aber wirklich nur eine in sich abgeschlossene gesonderte Kulturwelt, die sich irgendwie mit der sie umgebenden herrschenden und ihr total entgegengesetzten auseinandersetzen musste? Dem genauer Zusehenden werden sich viele Verbindungen ergeben, die zurückleiten in die ältere Zeit, die hinüberleiten zu anderen Ländern, die weiterleiten in die Zukunft. Auch das soll vorerst nur gestreift werden. Unabweisbar wird die Erkenntnis, dass dieser Gegensatz und Kulturenkampf erstmalig mit dem Eindringen der christlichen Kultur im Rom der ersten Jahrhunderte sich abspielte bis dann durch die katholische Kirche für den mittelalterlichen Geist ein grandioser Kompromiss geschlossen wurde. Ein Kompromiss, der aber beim Eintritt der modernen Welt nicht genügte, wie die Reformbestrebungen innerhalb der katholischen Kirche sowohl wie die Reformation beweisen. Derart stellt sich der Puritanismus nur als eine Welle dieses Kampfes dar. Auch steht er in seiner Zeit nicht allein, wenn ihm auch die Verquickung mit Politik eine hervorragende Bedeutung sichert. Sonst aber ist zu der Zeit die asketische Lebensauffassung ein transnationaler Zug: in Italien hatten Savonarolas Ideale schwärmerische Jünger gefunden, Guzmans Philippika gegen das Theater klang von Spanien herüber, die deutschen Kanzeln hallten von Zornespredigten wider und in Frankreich nahm der Kulturgegensatz eine äusserste Schärfe an.3) Die Keime derartiger geistiger Bewegungen waren also schon in der Renaissance vorhanden. Die Zusammenstellung der Worte Renaissance, Humanismus und Reformation enthält eine Zusammenstellung teilweise entgegengesetzter Tendenzen. Die heidnische Kultur der Antike, ein mittelalterliches asketisches Ideal, das areligiöse heitere Spiel einer entfesselten Renaissancephantasie und das tief religiöse Streben nach einer Verinnerlichung des Menschen - sie mussten sich wechsel

1) Mag Dowden immerhin die Erhaltung mancher Kunstschätze unter dem Puritanerregime betonen (Puritan und Anglican, Lond. 1900, pp. 21, 25), das puritanische Prinzip ist doch ein absoluter Gegensatz zur künstlerischen Kultur.

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2) Du Ferrier, le lieutenant de M. Olier, curé de Saint-Sulpice demande que les confesseurs refusent l'absolution aux comédiens . et aussi à ceux qui composent des comédies ou des romans et ce qu'on appelait alors des historiettes de galanterie. à ceux qui les impriment à ceux qui les vendent, qui les achètent, les prêtent pour lire ou les gardent. (Lefranc/Molière, Revue des Cours... 1906/7; vgl. im übrigen das Kapitel über das Theater).

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seitig bekämpfen, verdrängen oder durchdringen. Neuplatonische mystische Strömungen banden das Disparateste zur Einheit.

Nichts kann dies in- und gegeneinander so gut spiegeln wie die Literatur dieser Zeit, die Auffassung von Sinn und Wert der Literatur sowohl wie der Charakter der Dichterwerke selbst. Der Gegensatz Renaissance-Puritanismus ist zugleich der Gegensatz antik-modern, heidnisch-christlich, und da die antike heidnische Literatur das einzige Muster und Vorbild war, schon das Mittelalter hindurch, ungleich betonter und dogmatischer in der Zeit des Humanismus, so galt es sofern man nicht einfach ablehnte oder nachahmte einen Ausweg zu suchen.

Erstes Kapitel:

Die Verwendung der klassischen Mythologie.

I.

Lyly und Shakespeare.

Ein wesentliches Merkmal der Renaissancedichtung im strengen Sinne ist: Nachahmung der Antike. Und was konnte nachgeahmt werden? Was war überhaupt von der Antike bekannt? Das hauptsächlich, was lateinische und mittellateinische Quellen überlieferten, Vergil und Ovid zumeist. Vergil hatten die Kirchenväter schon zum Christen gestempelt, auch an Ovid hatte sich ähnliche Deutung versucht. Ovids Metamorphosen in Original und Übersetzung gehörten zu den Hauptkündern von der Antike in der Renaissance. In der Mythologie, die er überlieferte, objektivierte sich das klassische Weltbild, und ebenso wie sich eine auf das Erkennen der Antike gerichtete Kritik mit der Mythologie zu befassen hatte, musste eine Dichtung, die eingestandenermassen zur Antike als zum Muster aufsah, sich bei der erstrebten Nachahmung dieser Mythologie bedienen. Und da setzt nun gleich die Äusserung des Konfliktes ein, von dem hier die Rede ist: die klassische Mythologie ist heidnisch, die nichtheidnisch gestimmten Richtungen der Renaissance mussten einen Kompromiss finden oder Ausweg suchen. Das Verhalten der Renaissancedichtung gegenüber der klassischen Mythologie ist so ein Kernpunkt und Symbol. Betrachten wir die englische Renaissancedichtung daraufhin, so finden wir bezeichnende Unterschiede.

In den Tre Libri di Arte Poetica (1551) erklärt Muzio die mythologische Erzählung als den besten poetischen Stoff. Die zahlreichen Übersetzungen aus der antiken Literatur hatten den Geist der Renaissance am schnellsten verbreitet und die neu bekannt werdende klassische Mythologie1) hatte am anregendsten gewirkt. Die bunte

1) Die klassische Mythologie ist das ganze Mittelalter hindurch uachweisbar. Ein dünner, von der Kirche bekämpfter Strom heidnischer Tradition, der lebendig blieb, und auf der anderen Seite das Zentralproblem der

3.

Fülle der Ereignisse und Gestalten, die Klarheit der Erzählung, die Eleganz der Form fesselte und reizte zur Nachahmung dieses Schmucks. Es wurde zur Gepflogenheit der Renaissanceschriftsteller, den Inhalt ihrer Werke durch Heranziehung der antiken Mythologie zu beleben oft allerdings auch, um mit dem mythologischen Wissen zu prunken, und diese oft übertriebenen und gesuchten Anspielungen fanden in der Frühzeit der englischen Renaissance begeisterte Nachahmung. Zu Elisabeths Zeit herrschte die Mythologie bei Festlichkeiten und Masken, am Hof und auf dem Theater, so dass ein Prediger wie Thomas Brice dagegen ausrief: We are not Ethnickes... Come back, where will you go? Tel me is Christe or Cupide lord? Doth God or Venus reign? Aber die Klage ist umsonst, die Bereitwilligkeit, mit der das enthusiastische, bewegliche, abenteuernde Temperament der elisabethanischen Frühzeit sich auf das Neuland geworfen hatte, musste ein inneres Bedürfnis verraten. Roger Aschams Briefe zeigen die naive Freude, mit der man die Renaissance der griechischen Literatur als Bereicherung des Lebens empfand. Wie von einem Schmuck spricht er von den klassischen Studien seiner Schülerin Elisabeth und es ist erklärlich, dass auch die unter der Ägide der neuen Herrscherin aufblühende volkstümliche Literatur nach bestem Können diese Anregungen benützte. Eines war auch dem des Griechischen Unkundigen zugänglich: die Mythologie, wie sie Ovids Metamorphosen überlieferten. Wie diese Mythologie nun als Schmuck, Arabeske usw. verwendet wird, und wie die Umgestaltung der Symbole und ihres Gehalts neue geistige Werte heraufführt sei es ohne oder mit Bewusstsein des einzelnen schaffenden Individuums, das unter dem Bann eines LiteraturKirche, dem Volk das neue asketische Ideal und den immateriellen Himmel sinnfällig nahe zu bringen, einigten sich in der Transformation der polytheistischen Mythologie zu einer dualistisch-christlichen. Platos symbolische Darstellung seiner Ideenlehre wurde durch die Dionysius Areopagita zugeschriebenen Werke über die himmlische Hierarchie und die mystische Theologie mit christlich-mittelalterlicher Lebensauffassung geeint. (Vgl. Kap. Platonismus). Diese Mythologie nun bot in ihrer Gesamteinstellung gegenüber Mensch und Welt ein unantikes christliches Gepräge und so wurde sie zu der Zeit, von der wir reden, als gegeben angesehen, so gegeben wie die ganze Bibel. Und wenn Schriftsteller der puritanischen Sphäre denken wir nur an Milton diese Mythologie weiterbilden, so bewegen sie sich ihrem Gefühl nach in biblischem Fahrwasser, und diese Mythologie kam ihnen so natürlich wie Bunyan seine Allegorien. Nicht diese spirituell-mittelalterliche Komponente, die als rein christlich galt, ist es, der nachzuspüren ist, sondern der neu gelesenen und zur Nachahmung empfohlenen klassischen Mythologie und ihrer Verwendung.

in vain

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