Page images
PDF
EPUB

Proben, um vor der Königin spielen zu können. Die Argumente des Magistrats waren erstens, aber durchaus nicht am meisten, die Befürchtung der Feuersgefahr, die Verkehrsstörungen, die Ausbreitung der Pest usw., dann waren es die puritanischen Gefühle, die ihn bewegten und wohl ebenso das Bewusstsein der wachsenden bürgerlichen Gewalt, die dem Hof eine Machtprobe leistete. Verhängnisvoll dabei war die Verordnung von 1574, dass das Theater der Lizenz des Stadtrats bedürfe, denn sie führte zum Bau der Theater und zwar auf einer Stelle, die der Stadtgerichtsbarkeit entzogen war. Fortan wirkten die städtischen Erlasse mehr in der Art der Pamphletisten, die seitdem bedeutend zunahmen an Zahl. Die wichtigsten der in diesem Streit veröffentlichten Schriften und Gegenschriften sind die folgenden:

1577 John Northbrooke/Treatise wherein . . . Vaine Playes or Interludes are reproved.

1579 Stephen Gosson/The Schoole of Abuse.")

Entgegnung: Thomas Lodge/ A Defence of Poetry, Music, and Stage Plays (unterdrückt, trotzdem einzelne Exemplare im Umlauf); darauf:

1582 Stephen Gosson / Playes refuted in Five Actions Entgegnung: Lodge in Alarum against Usurers (1584) mit Widmung an Sidney, der seinerseits die einzige bedeutende Schrift verfasste (1583, gedruckt erst 1595) Defense of Poesy. Vgl. auch das als praktische Widerlegung gedachte Drama: The Play of Plays (vgl. Collier II/275).

1580 (anonym) The Second and Third Blast of Retrait from Plays and Theatres.

1581 (anonym) A Treatise of Daunses ... (vgl. Ward I/460 Note). 1583 Philip Stubbes / Anatomy of Abuses (darin Abschnitt: Of Stage Playes and Enterluds).

1584 George Whetstone/Touchstone for the Time (Anhang zu Mirror for Magistrates of Cities).

1586 Thomas Newton/Treatise touching Dyce play and Profane gaming.

1) Sidney gewidmet, der die Schrift missbilligte. Vgl. Spensers Brief an Harvey 1580: Newe Bookes I heare of none, but only of one, that writing a certaine Booke, called the Schoole of Abuse, and dedicating it to Maister Sidney, was for hys labor scorned . . . (Greg. Smith 1/89).

1587 William Rankins/A Mirrour of Monsters.

(Vgl. auch den um diese Zeit spielenden Marprelatestreit). 1599 (circa) Dr. Rainolds / Th'Overthrow of Stage players.

1612 Thomas Heywood / An Apology. for Actors (bedeutendste Gegenschrift).

1615 J. G. Refutation of the Apology for Actors.

1625 „A shorte Treatise against Stage Playes" (Petition ans erste Parlament Karls I. gerichtet!)

1632 William Prynne/Histriomastix, the Players Scourge.

1698 folgt als später Nachzügler und als Beweis, dass die Kontroverse wegen der den Gegenparteien zugrunde liegenden antagonistischen Weltanschauung unsterblich ist, des Anglikaners Jeremy Collier A Short View of the Immorality and Profaneness of the English Stage. (Vorläufer: Sir Richard Blackmore 1695; zu den Theaterangriffen der Theologen Law und J. A. Bedford vgl. Schöffler S. 174).

Die einzelnen Punkte fasst der gelehrte Treatise von 1625 (abgedruckt bei Hazlitt/English Stage [Roxb. Libr.] pp. 231 ff.) am kürzesten zusammen: das Theater ist unstatthaft 1. wegen seines heidnischen Ursprungs, 2. wegen des profanen Charakters der Stücke (impious, abominable), 3. wegen der Laster der Schauspieler, 4. weil sich die Zuschauer der Sünde teilhaft machen, 5. wegen der üblen Wirkungen des Schauspiels, 6. weil es die Protestanten, ja sogar die römisch-katholischen Kirchen und die Parlamente aller Zeiten schon verdammten, 7. weil Gott sein Urteil zu erkennen gab (Unglücke, die Theater und Zuschauer befielen zu allen Zeiten). Kurz und bündig tut Stubbes das Theater ab; die Stelle zeigt den puritanischen Standpunkt am unzweideutigsten und auf diesen Ton ist auch jede weniger schroffe Ablehnung gestimmt: Playes are either of diuyne or prophane matter: If they be of diuine matter, than are they most intollerable, or rather Sacrilegious if their playes be of prophane matters, than tend they to the dishonor of God and norishing of vice . . . So that whither they be the one or the other, they are quite contrarie to the Word of grace, and sucked out of the Deuills teates to nourish vs in ydolatrie, hethenrie, and sinne. (Stubb. ed Furniv. p. 140 ff.).

...

Überblickt man Schrift und Gegenschrift (Sidneys Defense ausgenommen, die durch ihre späte Veröffentlichung nicht direkt in den Streit eingriff, die von einer höheren Warte aus wertet und

[ocr errors]

wirkliche literarische Kritik gibt), so ist zu bemerken, dass die zugrunde liegenden Gegensätze gar nicht zum Ausdruck kommen. Die Verteidiger des Theaters gegen die Puritaner im strengen Sinne sind im weiteren Sinne selbst Puritaner. Teilen sie auch nicht die letzte Engherzigkeit, sind sie frei von dem bewusst oder unbewusst mitspielenden Gefühl, dass das Theater eine gefährliche Konkurrenz der Kirche ist 1), so suchen sie doch das Theater vom moralischen Standpunkt aus zu rechtfertigen, von demselben Standpunkt aus also, von dem die strikten Puritaner es angriffen und mit ihrem Mut zur Konsequenz leicht ihre Gegner aus dem Feld schlagen konnten. Nimmt man die Prämissen als richtig an, so muss man auch die Folgerungen eines Prynne annehmen, und dieser war seinerseits berechtigt, die Bemühungen eines Heywood als matten, halbherzigen Kompromiss zu empfinden und ihn kritisch nach allen Richtungen hin zu zerpflücken (Histriomast. II. Teil). Die Puritaner hatten überdies den Vorteil, dass, selbst wenn ihre Gegner den Vorwurf der Immoralität zu entkräften suchten, sie den profanen (unholy) Charakter des Volksdramas auch von ihrem Standpunkt aus kaum zu verteidigen wagten. Die Puritaner wussten sich einig mit den Gebildeten ihrer Zeit in der humanistischen Abneigung gegen das volkstümliche Drama, sie wussten sich einig mit der ganzen Nation in der Angst vor dem Schreckgespenst „Popery“, das sie der Bühne unterschoben. Waren Heywoods Einwände, dass das Theater eine altehrwürdige Institution sei und die Bibel nichts dagegen sage, dass das antike Theater eine hohe Stellung eingenommen und man die Sünden einzelner nicht verallgemeinern möge, dass endlich das englische Theater patriotisch sei, indem es englische Geschichte lehre, und moralisch, indem es Tugend durch die Darstellung des Lasters lehre waren das wirklich Einwände? Die puritanische Phalanx der Prediger, Pamphletisten, Stadtbehörden konnte im Bewusstsein ihres Rechts über alle Gegenargumente hinweggehen, und ihren Ansichten konform be

[ocr errors]

1) Northbrookes: They will runne to euerye playe, but scarce will come to a preached sermon, klingt in allen Streitschriften wieder an. Schon Bischof Gardiner stellt es förmlich als Duell dar (1547): to trye who shal have more resorte, they in game, or I in earnest (vgl. Thompson p. 38 f., der wegen seiner puritanischen Einstellung in diesem Punkt anders sieht). Diese rivalisierende Rolle der Bühne musste umso schärfer hervortreten, je mehr man sich auf den Standpunkt der Verteidiger stellte und die didaktische Tendenz für die Bühne in Anspruch nahm. Die Predigt der Bühne ist 'blasphemy intolerable', zumal die Schauspiele meist Sonntag nachmittag stattfanden.

schloss das Parlament der Revolution im Jahe 1642 die Schliessung der Theater, eine Ordre, die allerdings mehrmals (u. a. 1647 u. 1648) wiederholt werden musste.

Der puritanische Angriff aufs Theater ist nicht eine isolierte Erscheinung; die oben gegebenen Andeutungen zeigten, wie der Riss durch die Jahrhunderte geht mit seinem erstmaligen Aufbrechen im christlichen Rom. Der Theaterkampf ist auch insofern keine isolierte Erscheinung, als er innerhalb der gegebenen Zeit nicht auf England beschränkt ist. Die mit der die Renaissance ermöglichenden Lebensauffassung eng verknüpfte religiös-reformatorische Bewegung ist, in vielem ein Gegensatz zur Renaissance, international gerichtet. Mag sich das Puritanertum noch so sehr von anderen Reformern und von katholischer Frömmigkeit unterscheiden und absondern, den Grundzug der Frömmigkeit, der Verinnerlichung und asketischen Abkehr von der Sinnenwelt teilt es mit der grossen Glaubensrenaissance, die im 17. Jahrh. namentlich über die Länder nördlich der Alpen wie eine grosse Welle hinzieht, und die Puritaner hatten ein gewisses Recht, sich darauf als Stützen ihres Kampfes zu berufen.

Auch Italien und Spanien zeigen sich von diesem Einflusse berührt. Aus dem 16. Jahrh. stammt der Traktat gegen das Theater von dem Mailänder Bischof Karl Borromäus, und die Schriften von Francesco-Maria del Monaco, Ottonelli usw. reihen sich an. Da aber im Kirchenstaat trotz der theoretisch ablehnenden Haltung der Kirche Aufführungen mehr oder weniger geduldet waren, kam es nicht zu grossen Aktionen. Im Gegensatz dazu griff in Spanien die weltliche Gewalt ein; Philipp II. und Philipp IV. verbannten die Schauspieler aus ihrem Reich (ohne natürlich eine strenge Ausführung der Verordnung durchführen zu können), und suchten so zu verwirklichen, was angestrebt wurde in den Schriften von Guzman, Ribera, Escobar und dem Jesuiten Mariana (De Regis et Rege Institutione 1599 [III/XV] und Contra los Juegos).

Einen weit grösseren Raum nimmt die Theaterstreitfrage in der französischen Literatur ein, fast alle bedeutenden Schriftsteller des 17. Jahrhunderts haben teil daran (vgl. Abel Lefranc/Sur la Querelle du Théâtre in: La Vie et les Oeuvres de Molière (Revue des Cours et des Conférences 1906/7 pp. 295 ff. [Bd. I] u. ö.). Vorstufen finden sich schon im 16. Jahrh. bei Jean Bodin (Six Livres de la République 1570), nachdem 1548 den Confrères de la Passion die Aufführung der Mirakelspiele durch Parlamentsedikt verboten

worden waren. Im 17. Jahrh. wird der Kampf hauptsächlich von drei Gruppen geführt: 1. von Olivier, dem Curé von St. Sulpice und seinen Anhängern, die Schauspielern und Zuschauern die Sakramente verweigern und auch die Behörden zu Massnahmen gegen die Theater zwingen, 2. seitens protestantischer Geistlicher, z. B. André Rivet (Instruction touchant les spectacles) und Philippe Vincent, 3. von den Jansenisten (Nicoles Traité de la Comédie, ersch. 1667; ausserdem Arnauld, Baillet), während die Jesuiten mehr zu Konzessionen geneigt waren. Um 1660 ist dann etwa der Höhepunkt: eine grosse Reihe von Angriffen gegen Molière; Bourdaloue, Bossuet, Contis Traité de la Comédie et des Spectacles selon la tradition de l'Eglise, zahllose Flugschriften und Racines Auseinandersetzung mit Port-Royal. Auch in Frankreich (wie im puritanischen England) ist der Streit damit nicht zu Ende, sondern, weil es eben ein Kampf zwischen einem christlich-asketischen Ideal und einem heidnisch-sinnenfreudigen Ideal ist, flackert er immer wieder auf, sowie die Gegensätze aufeinanderprallen (vgl. auch Rousseau an d'Alembert).

Während in Frankreich die Betroffenen (Molière!) selbst in die Arena traten und ihre Sache mit ihrem besten Können verfochten, beteiligten sich in England die grossen Theaterdichter und Schauspieler (Shakespeare!) nicht an der Kontroverse. Sie fühlten sich so sicher, dass sie ihre Gegner ignorierten.

« PreviousContinue »