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der Bibel und religiöser Erbauungsbücher Abbruch getan wird, notwendig sündig sein (p. 923). In dem gleichen Sinne drücken sich andere Puritaner aus, z. B. P. Babington: 'Bookes written by vnreformed heartes, and continually redde to the greefe of God, are they no occasions to fraile flesh, both in thought and deede to offende against this law' (der Keuschheit) (zit. Furnivall/Stubbes p. 85*). Unkeuschheit und Abgötterei sind der Angelpunkt, um den sich vornehmlich die Literatur der Antike dreht, und, so resümiert Prynne, ,,die Nachahmung der Heiden ist gesetzwidrig“, ja, auch den sonst zugegebenen moralischen Wert, der aus der antiken Kultur zu schöpfen sei, negiert die Bemerkung des Index: 'Pagans. Their vertues couterfeit, and shining sinnes.' Gosson, der weniger voluminös und geistreicher ist, scheint gemässigter, scheint auch der Literatur näher zu stehen, da er selbst vor seiner puritanischen Stellungnahme als Dramatiker hervortrat und den ersten Theaterangriff mit allen Kunstmitteln des euphuistischen Stils führte. Da er aber ausdrücklich den von vielen (vgl. das bei den Humanisten Elyot usw. und bei Milton Gesagte) befürworteten eklektischen Standpunkt missbilligt mit den Worten: 'the best play you can picke out, is but a mixture of good and ewill, how can it be then the schoolmistress of life' (Plays refuted in five actions Hazlitt p. 180), so ist die Ablehnung nicht weniger vollständig. Vermeidet er es auch, die Antike an sich gänzlich zu verwerfen, so tut er es doch insofern als er seine Zeit im Auge hat, indem er des Maximus Tyrius Urteil über Homer auf die ganze Antike anwendet: καλὰ μὲν γὰρ τὰ Ὁμέρου ἔπη, καὶ ἔπων τὰ κάλλιστα, καὶ φανώτατα, καὶ ἄδεσθαι μουσαῖς πρέποντα ἀλλὰ οὐ πᾶσι καλὰ οὐδὲ ἀεὶ καλά. Das ist sein letztes Wort')

1) Gosson behauptet zwar in Apologie of the Schoole of Abuse (Arber Reprints p. 65): (the poets) thinke that I banishe Poetrie, wherein they dreame', und gibt folgende Erklärung der antiken Dichtung (School of Abuse Ausg. Shakesp. Society p. 15): the right use of ancient poetrie was to have the notables exploytes of worthy captaines, the holesome councels of good fathers and vertuous lives of predecessors set downe in numbers, and sung to the instrument at solemne feastes, that the sound of the one might draw the hearers from kissing the cup too often. Klingt das schon nicht sehr freundlich für die Dichtung, so zeigen Stellen wie die folgenden vollends, wo er hinauswill: (Apologie s. o. p. 65 f.): 'let me holde the same proposition still, which I sette down before, and drewe out of Tully, that ancient Poetes are the fathers of lies, Pipes of Vanitie and Schooles of Abuse.' (School o. A. s. o. p. 10): 'Manie good sentences are .. written by poets as ornaments to beautifie their woorkes, and, sette their trumperie to sale without suspect.' (ibid. p. 13): 'Sapho was skilful in poetrie and sung wel, but she was whorish.'

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und zugleich eines der tolerantesten. Die Heftigkeit der puritanischen Angriffe nimmt in gleichem Masse zu, wie ihre Fühlung zur Dichtung der Antike sowohl wie der ihrer Zeit abnimmt. Die Puritaner gehen nicht mit vorgefassten Urteilen an die Dichtung heran, die vorgefassten Urteile halten sie der Dichtung fern. So wie die meisten Schriften der Theatergegner gar nicht auf wirklicher Kenntnis des Theaters basieren, so haben die Ausfälle gegen die heidnische Antike nicht die Kenntnis der Antike zur Voraussetzung. Wenn wir bei einzelnen Humanisten schon Gleichsetzung von Paganismus und Papismus fanden, so ist dies in verstärktem Masse bei den Puritanern der Fall, und was sie als Papismus ansehen, ist alles, was sich nicht mit ihrer religiösen Überzeugung deckt. Das rief dann das formell überscharfe, aber sachlich zutreffende Urteil Nashes hervor, dass die Puritaner never tasted of any thing saue the excrementes of Artes' und dass ihr fadenscheiniges Wissen 'be bought at the second hand (Anat. of Abs.). Den tieferen Grund hatte dies darin, dass die Literatur der Zeit nicht mehr die geistigen Ideale der Generation verkörperte; je mehr die puritanische Strömung in den Vordergrund trat, desto mehr musste diese Inkongruität der sterbenden elisabethanischen Literatur und des als Ideal vorschwebenden Lebensinhalts empfunden und folglich das Interesse auf andere Gebiete übertragen werden. Hatten früher selbst Theologie und Wissenschaft den engsten Zusammenhang mit der Literatur im eigentlichen Sinne aufrecht zu erhalten vermocht, so erschien die Literatur jetzt mehr als Dekoration eines Lebens, dessen Sinn auf politischem und religiösem Gebiet lag. Die streitenden politischen und religiösen Parteien absorbierten die geistige Kraft des Einzelnen, dessen Verhältnis zur Literatur notwendig ein polemisches werden musste. Der anfangs bei den Humanisten auftretende Drang eines neuen Lebensgefühls, in dem Renaissance und Reformation als Einheit erschienen, erschien jetzt gespalten, indem man die freieren Aspekte des Lebens als unerlaubt empfand und den Inhalt des Begriffs Reformation wesentlich rigoroser gestaltete, wodurch zurückwirkend die Überreste der elisabethanischen Renaissanceliteratur in ihrem Niveau noch tiefer gedrückt wurden. Die Literatur wurde demgemäss immer mehr als einem ethischen Lebensideal zuwiderlaufend empfunden, der heidnische Charakter einem religiös ekstatischen Zeitalter mehr bewusst.

Die Ablehnung der Antike zog auch Nichtpuritaner in ihren Bann. Crashaw, der Katholik, sah mit Verachtung auf Homer und

Horaz; Cowley, der Royalist, sagt: 'And though Pan's death long since all or'cles broke, Yet still in rhyme the fiend Apollo spoke'. Mit der Ablehnung der klassischen Literatur ist aber die Literatur überhaupt abgelehnt. Der Rest ist die Bibel und dann Erbauungsbücher und eine Literatur à la Bunyan, für Tolerantere noch Spenser und Milton. Diese extreme puritanische Stellungnahme gegenüber der Antike war aber ohne Wissen und Willen ein Schritt auf dem Weg zur Moderne, die sich unabhängig machte vom klassischen Altertum oder doch sich ihm gleichberechtigt empfand. Ich meine die Kontroverse antik-modern, die das ganze 17. Jahrhundert erfüllte,1) und in die der puritanische Sturmlauf gegen die Dichtung, trotz völlig anderen Zielen, eingereiht werden könnte, insofern als das Wirken der Puritaner unter gewisser Begünstigung der modernen religiösen Dichtung die Autorität der Antike erschütterte.

1) Das Problem war ebenfalls von der Renaissance vererbt und auf die Spitze getrieben von Giraldi (Cintio) und in den Tasso- und Guarini-Kontroversen. Vgl. dazu Tassoni/Pensieri diversi 1612; Perrault/Parallèle des ancients et des modernes 1688 ff.; Wotton/Reflections upon Ancient and Modern Learning 1694; auch Bacon und Hakewill äusserten sich. (Vgl. Spingarn/Lit. Crit. in the Renaiss. p. 112-24; 162–67).

Viertes Kapitel:

Puritanismus und Drama.

Bei einer Betrachtung des Verhältnisses der Puritaner zur Literatur denkt man unwillkürlich zuerst an das Drama und den grossen Theaterstreit, der mit der Schliessung der öffentlichen Bühnen unter dem Commonwealth endigt. In unserem Zusammenhang jedoch nimmt das Drama eine Sonderstellung ein, die es nicht geeignet erscheinen lässt, ein klares Licht auf das Verhältnis des Puritanertums zur Antike und Renaissance und zur schönen Literatur überhaupt zu werfen. Zunächst hätten wir zu scheiden zwischen dem Drama an sich und seiner Aufführung auf dem Theater eine Scheidung, die zwar von den Puritanern immer wieder gemacht wird, die aber der Natur der Sache nach gefühlsmässig nicht restlos vollzogen werden kann, weshalb die Beurteilung des gelesenen oder rezitierten Dramas seitens der Puritaner doch immer noch von ihrer Stellung zur Bühne beeinflusst erscheint. Zwar wird das Drama an sich nicht verworfen, und in den grossen Streitschriften von Gosson bis Prynne treffen wir stets dasselbe, dass nämlich das Drama erlaubt (lawful) sei, sofern es nur gelesen werde; aber das Lob ist schwach und nur mit Widerstreben wird etwas gestattet, das man ohne Bedauern vom Erdboden hätte verschwinden sehen. Es genügt Prynne anzuführen, der im Histriomastix (1633) enzyklopädisch Wort und Gegenwort aller seiner Vorgänger zusammenfasst, sämtliche auffindbaren Autoritäten sammelt und dessen Werk das letzte Wort der Puritaner zu dem Thema bedeutet. Prynne nun sagt (p. 832 ff.): that it is lawfull to compile a Poeme in nature of a Tragedie, or poeticall Dialogue, with severall acts and parts, to adde life and luster to it, especially, in case of necessitie when as truth should else be suffocated.' Die Beispiele, die er dann nennt, betreffen fast ausnahmslos Dramen mit religiös-reformatorischer Tendenz: Apollinaris d. Ält., der seine Lehre in Dramen aussprach, als ihm Julian Apostata zu predigen verbot, Gregor von Nazianz, dem man Xoiσròs nάσɣшv zuschrieb, Bernardinus Ochino, der italienische Protestant, der in

England Zuflucht gefunden (Tragedy of Freewill), du Plessis Mornay (Tragedy of Jephta his Daughter), Edward VI. (Comedia de meretrice Babylonica), John Bale (Comedies de Christo et Lazare), Skeltons Comedies etc., alles Werke, die nach Prynnes ausdrücklichem Bemerken ,,nur zum Lesen bestimmt waren, nicht zum Aufführen, da ihr Gegenstand ernst, heilig, göttlich und nicht eitel, possenhaft und profan wie alle neueren Dramen es sind." Bei Prynnes Art des Argumentierens, die nach mittelalterlichem Brauch Argumente häuft, mit dem Wort zufrieden ist und nach dem Sinn der Stelle nicht fragt (so dass er einmal Alkibiades als Autorität heranziehen kann), ist es klar, dass auch das obige Zugeständnis weniger seiner eigenen Auffassung entspringt, als vielmehr auf Bibelstellen, Tertullian, Basilius usw. und Zeitgenossen wie Bischof George Alley und Dr. Rainolds gegründet ist. Ferner gesteht Prynne zu, dass es statthaft sei to recite, to read such tragicall or comicall poems as these (Komödie natürlich im mittelalterlichen Sinne Dantes) composed only to be read not acted on the stage, wobei er bemerkt, dass auch die Tragödien von Sophokles, Euripides, Äschylus, Menander, Seneca u. a. nur zum Lesen oder zur Rezitation durch die Dichter selbst bestimmt waren. Damit ist das Thema für ihn erledigt (p. 835): the sole controversy then is this; Not whether it bee simply unlawfull to penne a Poem in nature of a Tragedie or Comedie, which may be done without offence, in case it be pious, serious, good and profitable;

but, whether the profession of a Playhouse-Poet, or the penning of Playes for publike or private Theatres, be warrantable or lawfull?' So leitet er zum Theaterangriff zurück, ohne mehr über die Stellung der Puritaner zum Drama gesagt zu haben, als dass es eine Art religiösen Erbauungsbuches sein müsse. Auch freiere Geister unter den Puritanern sagen wenig mehr. Allerdings kommt hinzu, dass man erstlich in der vermeintlich antiken und deshalb RenaissanceAuffassung befangen war, dass das Epos die höchste Dichtungsgattung sei (vgl. S. 124), und dass das Volksdrama durch das Vorurteil dem Schauspieler gegenüber nie unbefangen gewertet werden konnte. Die Auffassung des Dramas als Lesedrama spielt auch noch bei Milton eine Rolle, der seiner, übrigens nie allzu freundlichen Stellungnahme dem Theater gegenüber1) durch die theaterlose Com

1) Ausser den lateinischen Dramen, deren Aufführung an den englischen Universitäten Sitte war, besonders bei festlichen Gelegenheiten, hat Milton nach seiner Angabe zwar öffentliche Theateraufführungen besucht, aber kaum oft. Was geboten wurde, entsprach weder seinen puritanischen noch seinen

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