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ihm so beklagten Mangel einer Universitätsbildung, ist die Beziehung zur Antike lockerer geworden. Er häuft seine Autoritäten viel mehr als Adams aus christlichen Autoren, und es ist bezeichnend, dass für ihn Antiquity in erster Linie gleichbedeutend ist mit: Kirchenvätern und dem hebräischen, griechischen und lateinischen Urtext der heiligen Schriften. Ein letzter Schritt wird von G. Fox getan, der die humanistische Bildung der Geistlichen ganz ablehnt. Er berichtet von einem Gespräch, das er in Durham hatte 'where there was a man come from London to set up a College to make ministers of Christ, as they said' (die Cromwellsche Gründung). Fox sagt nun (vgl. A Journal or Historical Account of the life . . of George Fox Philadelphia o. J. Friends Book Store p. 291): that to teach men Hebrew, Greek, Latin, and the seven arts, which were all but the teachings of the natural man, was not the way to make them ministers of Christ. For the languages began at Babel... and they set them atop of Christ, the word, when they crucified him. John the divine, who preached the Word which was in the beginning said 'That the beast and the whore have power over tongues and languages, and they are as waters'. Thus I told him, he might see the whore and the beast have power over the tongues and the many languages, which are in mystery Babylon

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Parallel damit läuft das Bestreben der Dichter. Wir können nicht erwarten, dass neben Miltons gewichtiger dichterischer Persönlichkeit die anderen Puritaner Wesentliches und Neues in ihrer Stellung zur Antike und Renaissancedichtung vorzubringen hätten. Es ist der Siegeszug der 'Muse Chrétienne' der Titel, unter dem du Bartas 1573 die biblischen Paraphrasen Judith und L'Uranie veröffentlicht hatte (1584 übersetzt von Hudson [nur Judith]) über die antiken Musen. Unter dem Ruf war Ronsards Heidentum von den Hugenotten angegriffen worden, unter dem Gesichtspunkt hatte Giles Fletcher seine Dichtung angesehen wissen wollen, und bezeichnenderweise in dem interessanten Vorwort ausschliesslich von der 'Celestial Muse' inspirierte Dichtungen zur Verteidigung der Dichtkunst heraufbeschworen,1) die eben nicht fables' sondern 'truth' gaben. In dem Sinne lehnt, weitergehend als Fletcher, der nur in geschickter Gruppierung alles Licht auf die christliche

1) Bibel (Moses, Deborah, Jeremia, Maria, Simeon, David, Salomo) Gregor v. Nazianz, Juvencus, Prosper, Prudentius, Sannazaro (als ‘happy imitator of Virgil'), thrice honoured Bartas, Spenser, James (Die Nennung Sannazaros bedingten offenbar dessen religiöse Dichtungen).

Muse fallen liess, Francis Quarles eigentlich die ganze Antike schon ab (Job Militant, Divine, Poems p. 234)

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To make a long dayes journey to the Muses:

To Athens (gown'd) he goes, and from that Schoole
Returns unsped, a more instructed foole

Je mehr wir dann zu den bürgerlichen Kreisen kommen, umso mehr finden wir eine ermüdende Variation, die wie in Prynnes gewaltigem Wälzer das iterum iterumque: Schauspiele sind entgegen Gottes Gesetz, therefore they are unlawfull' auf allen Gebieten weltlicher Kultur als aller Weisheit letzten Schluss hat. Wir begnügen uns mit einigen Andeutungen. Das Einzige, was den Extremen an der Antike sympathisch sein konnte, war die Geringschätzung der Frau, aber auch damit war nichts anzufangen, da das sexuelle Element mitspielt, und da sie zudem, wie Stubbes mit Schrecken einsieht, vor das Problem der antiken Knabenliebe sich gestellt fanden (damit allerdings klarer sehend als viele der Platoniker). Immerhin ist in diesem Zusammenhang interessant, dass ein sich ganz in höfischen Kreisen bewegender Dichter wie Sidney, der also auch die Ansichten dieses Literaturkreises wohl spiegelt, immer wieder geringschätzig von der Liebe als einer Leidenschaft, die z. B. dem Zorne gleichwertig sei, redet. Ihm hat selbst die höchste Liebe einen der Freundschaft untergeordneten Rang. Er steht auf dem Standpunkt der unbedingten Gefolgschaft dem Gebot der Tugend gegenüber; und dieser extrem idealistische, von antiker Ethik abgeleitete Standpunkt, der so gänzlich gegensätzlich ist zu dem der volkstümlichen Dramatiker, und Sidney einerseits mit Spenser, anderseits mit den humanistischen Kreisen verbindet (Brie/Sidney S. 147 ff.), zeigt wiederum, wie diese von ganz anderer Warte aus aufgestellten Ideale von den puritanischen Idealen nicht wesentlich verschieden sind. Mag das eine aus Aristotelischen Grundsätzen abgeleitet sein, das andere aus biblischen, die Folgerung, dass dem Manne herrschende, der Frau gehorchende Tugenden zukommen, erkannten beide an.1) Desgleichen ist in der dichterischen Theorie zunächst kein wesent

1) In der Äusserung ist allerdings der Unterschied gross; man denke an Sidney und halte dagegen solche Verse wie die folgenden, die Quarles als Nutzanwendung an den Schluss der Estherparaphrase stellt:

That Husbands rule their Wives, and beare the sway
And by subjection teach their wives t'obey (p. 108).

licher Unterschied zwischen dem Standpunkt eines Sidney und selbst dem Prynnes, indem die Puritaner ebensowohl nach patristischreligiösem wie antikem Vorbild die Dichtung an sich nicht ablehnen. Prynne (s. u. II. Teil, Akt 1; p. 832) gibt gern zu: 'first, that as Poetry it selfe is an excellent endowment, peculiar unto some by a kind of natural genius, so it is likewise lawful, yea usefull and comendable among Christians if rightly used', eine Feststellung, die er durch ein Ovid- und ein Horazzitat belegt, und die dann weiter bekräftigt wird durch die in der Bibel überlieferten Hymnen und die Dichtungen von Tertullian, Arator, Apollinaris, Nazianz, Prudentius, Prosper and other Christian worthies'. Diese berechtigte Verwendung der Dichtung erscheint ihm geleistet bei den modernen Werken von du Bartas, Beza, Scaliger, Bucanon, Heinsius, Withers, Hall, Quarles, James u. a., ebenso wie von den much applauded verses' von Homer, Pindar, Vergil, Statius, Silius Italicus, Lucan, Claudian, Horaz, Juvenal und Ovid (da wenigstens, wo er nicht obszön ist). Alle diese Dichtungen (die übrigens Prynne selbst wie seinem Publikum nur zum kleineren Teil bekannt waren) werden von allen gelehrten Christen gebilligt, gelesen und gelobt (die Autoritäten!), und es sei erlaubt, sie in den öffentlichen Schulen zu lesen. Das ist weder eine Verneinung der Antike noch der modernen (allerdings vornehmlich religiösen) Literatur; immer wieder bestätigen die Puritaner, dass sie sich nur gegen die Auswüchse wendeten, nicht gegen die Sache selber: 'Take away the abuses, the thinges in themselues are not euill; being vsed as instruments to Godlynes, not made as spurres vnto vice. There is nothing so good but it may be abused; yet because of the abuses, I am not so strict that I wold haue the things themselues remooued...' (Stubbes/ Pref. to the Reader XII). Aber der Feldzug gegen den Missbrauch geht so weit, dass er de facto einer Ablehnung gleichkommt. So erkennt Stubbes als Literatur eigentlich nur die Bibel und Foxes Book of Martyrs an, alles andere heisst ihm doch prophane schedules, sacriligious libels, and hethnical pamphlets of toyes and bableries', deren Autoren sich dem Teufel verschrieben haben (p. 185). Ein Urteil, das dadurch unterstrichen wird, dass die oben angeführte Vorrede mit ihrer toleranten Note in der zweiten Ausgabe weggelassen ist. So hat Nashe recht, wenn er in der Anatomie of Absurditie sagt, die Puritaner gehen mit ihren inuectiues so farre against the abuse, that almost the thing remaines not whereof they admitte anie lawfull vse'. Von diesem Standpunkt aus richten sie dann

ihre Angriffe auf die 'abuses', die sie im wesentlichen im Theater konzentriert sehen, die sich jedoch in ihrer Tragweite auf die ganze Dichtung, und vornehmlich, wegen des Heidentums der Verfasser, auf die Antike erstrecken. Die zahlreich auftretenden Gegner konnten sie mit Leichtigkeit abtun, weil deren Standpunkt ebenso puritanisch war und nur des Muts zur Konsequenz ermangelte. Unter

dem Horazmotto: Et prodesse solent et delectare hatte Th. Heywood vocant (An Apologie for Actors 1612) zwar die Antike noch soweit als Vorbild anerkannt, dass ihm z. B. die Existenz grosser Theater in der Antike eine Berechtigung auch für seine Zeit enthält, aber den aus der Antike abgeleiteten Rechtfertigungsversuch der Dichtung kann Prynne ebenso leicht wie ausführlich widerlegen.1) Die Disparates verquickende Art der Dichtungsverteidiger erscheint hilflos im Vergleich zu einer interessanten Stelle im Histriomastix (Akt 8, Sz. 7; p. 810), die die religiöse Welt von der anderen abzugrenzen scheint.) And here we may observe a difference betweene eminency

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1) Heywood verteidigt unter dem Gesichtspunkt des Zwecks (p. 53 f.): 'If we present a tragedie we include the fatall... ends of such as comit notorious murders, which is acted with all the art that may be to terrifie men from the like abhorred practises if we present a forreigne history either the vertues of our countrymen are extolled, or their vices reproved if a comedie... subject of this harmlesse mirth.. (is) that they may reforme if a pastoral, we shew the harmlesse love of sheepheards diversely moralised.' (Das genüge als Probe für das Niveau der Verteidigungsschriften, lässt auch erkennen, wie leicht die Widerlegung war).

2) An sich zwar erinnert die Art der Argumentation an eine frühere Zeit, dieses Sichberufen auf klassische Autoren, dieses Hineinpfropfen von klassischen und Bibelzitaten, aber es geschieht nicht so sehr aus mittelalterlichem Geiste, sondern um den mit gleichen Hilfsmitteln operierenden Gegnern gegenüber grosses Geschütz aufzufahren. Trotz solches Zusammenwürfelns von Antike und Christentum scheint sich vielmehr eine Scheidung deutlicher aufzutun als bisher. Wir erwähnten, dass in der Zeit des Urchristentums bereits ein Übertragungsprozess vor sich ging, der die Ideen und Religionsphilosophien der damals herrschenden hellenistisch-orientalischen und hellenisch-römischen Kulturen auf die Person Jesu Christi überträgt und ihn so zum göttlichen Träger ewiger Ideen macht. Wir haben die Wiederholung dieses Vereinigungsprozesses in der Frühzeit der italienischen Renaissance, bei den Humanisten und Reformatoren erwähnt, und die schärfere Betonung des Christlichen mag andeuten, dass manchmal das Bewusstsein, Disparates verschmelzen zu müssen, wohl vorhanden war. Jener erste Versuch endete in einer Rationalisierung des religiösen Gehalts mit dem Kirchendogma als Ergebnis, was auch von der Folgezeit übernommen wurde. Die Haltung der Humanisten war ein Eklektizismus in christlichem Sinne. Die Puritaner haben durch die Schroffheit, mit der sie die anglikanische Staatskirche und die

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in religion, and excellency in all other things besides. For let a man be exquisite in any other art or profession whatsoever, be it in Phisicke, Musicke, Law, Philosophy, or any liberall science the more eminent they are in all or any of these, the more honoured, reverenced... and beloved are they of all sorts of men; because they are but naturall humane excellencies to which corrupt nature and the Divell have no antipathy at all. But let a man become a conscionable, zealous, sincere and forward professor of true religion, transcending others in the practicall powers of grace, or in the inward beauty of holinesse; and the more perspicuously eminent he growes in these, the more is he commonly hated, slaundered, persecuted, reviled by the tongues of wicked men, and the greater Puritan do they account him; because there is grace within him, that is diametrally contrary to their corruptions. Die nichtreligiöse Welt der freien Künste ist in nahe Beziehung zum Teufel gebracht und es geht aus vielen anderen Stellen bei Prynne hervor, dass ihm persönlich die antike wie moderne Dichtung als heidnisch und unmoralisch ein Greuel ist,1) und wenn er ihre Lektüre auch zugesteht, so muss eine ausgedehnte Lektüre von Dichtungen und Romances bei deren profanem und erotischem Charakter, zumal wenn dadurch dem Lesen römische Kirche einander gleichsetzten und beide als Götzendienst und Heidentum bezeichneten, den gleichzeitig von naturwissenschaftlicher Seite her sich anbahnenden Scheidungsprozess von Glauben und Wissen, von Theologie und Philosophie wirksamst und gegen ihren Willen unterstützt, indem sie unter scharfer Diskreditierung der weltlichen Hälfte eine Scheidung der zwei Welten herbeiführten, die in ihrer Unvermitteltheit zu einer Scheidung und Entscheidung der Geister führen musste.

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1) p. 792: ... as therefore Ovids transcendent poetry, Martials prophane and scurrilous panderly lascivious poems farre more pernicious . . .' p. 913 ff.: obscenity, ribaldry, amourousnesse, heathenishnesse, and prophanesse of most Play-bookes, Arcadiaes, and fained Histories that are now so much in admiration, is such, that it is not lawfull for any (especially for Children, Youthes, or those of the female sex, who take most pleasure in them) so much as once to read them (folgt Aufführung von Autoritäten, die) have expresly condemned and prohibited Christians to pen, to print, to sell, to read, or Schoolemasters and others to teach any amorous wanton Play-bookes, Histories, or Heathen authors, especially Ovids wanton Epistels and bookes of love; Catullus, Tibullus, Propertius, Martiall, the Comedies of Plautus, Terence and other such amorous Bookes savoring either of Pagan Gods, of ethnicke rites and ceremonies, or of scurrility. p. 916 führt er Aeneas Silvius an, der in seinem Traktat: De liberorum educatione einen Lektürekanon aufstellte, der aus moralischen Gründen die lateinische Lyrik als Jugendlektüre ablehnt oder doch eine strenge Auswahl haben will. Diese Ausführungen stellt Prynne als für Alle verbindlich hin.

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