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Glauben hat man genug; wozu Philosophie, Dialektik, Physik, die die Glaubenssicherheit nur stören könnten? Wozu das Schreiben von Büchern, die den meisten Menschen unverständlich und unnütz sind? Tatian ist bitterfeindlich; Philosophen und Gnostiker verfallen in Tertullians Schrift De praescriptione Haer. der gleichen Verdammnis; schon Paulus hat die Philosophie verworfen. Das Evangelium schliesst Wissbegierde und Forschung aus (Wendl. 4, 9f.). Genau dieselbe Einstellung finden wir in den Äusserungen des englischen Puritanismus sich wiederholen. Das Neuerwachen des Gefühls dieses Gegensatzes, der durch die katholische Kirche mehr oder weniger verwischt worden war, ist eines der bezeichnendsten Merkmale des Puritanismus.1) Und ebenso repetiert der Puritanismus jene Höherstellung des lebendigen Worts gegenüber dem Buch. Man kann daran erinnern, dass Jesus (aber auch Sokrates und Epiktet) nicht geschrieben haben und die Urkirche zu einer Zeit, als die Theologie schon hoch entwickelt war, alle Schriftstellerei für überflüssig erklärt hat.

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Doch, wie gesagt, die Entscheidung fiel nicht in dem Sinne, und was sie in anderem Sinne fallen liess, war das Wirken der alexandrinischen Gelehrten. Clemens und Origines wir verstehen, warum gerade diese von den Humanisten vom Schlage eines Erasmus neuentdeckt und allen anderen vorangestellt wurden leiteten die Gegenaktion ein gegen den schroffen Ablehnungsstandpunkt der Urkirche der Wissenschaft, Literatur und allgemeinen Kultur gegenüber. Äusserst vorsichtig bahnt Clemens seine neuen Ansichten an. Erst sein Schüler Origines hat den grossen Gedanken, den Gesamtertrag der griechischen Philosophie nach christlichen Grundsätzen zu prüfen und in ein System christlicher Weltanschauung zu verarbeiten, in seinem Werk Пegì doxov ausgeführt. Die feindliche Spannung der beiden Weltanschauungen jedoch war damit nicht aufgehoben.

1) Aber, auch hier wieder, nicht des Puritanismus allein. Mehr oder weniger mussten sich alle religiösen Reformer der Zeit in dieselbe Stellung gedrängt finden. Savonarola sagt in einer Predigt (nach Burckhardts Übersetzung): Das einzig Gute, was Plato und Aristoteles geleistet haben, ist, dass sie viele Argumente vorbrachten, welche man gegen die Ketzer gebrauchen kann. Sie und andere Philosophen sitzen doch in der Hölle. Ein altes Weib weiss mehr vom Glauben als Plato. Es wäre gut für den Glauben, wenn viele sonst nützlich scheinende Bücher vernichtet würden. Als es noch nicht so viele Bücher und nicht so viele Vernunftgründe und Disputen gab, wuchs der Glaube rascher, als er seither gewachsen ist.

Wenden wir uns von hier dem zweiten entscheidenden Wendepunkt zu, so müssen wir in erster Linie die festländischen Reformatoren betrachten, besonders die französischen Reformer und Kalvin, da das nicht nur die zeitliche Vorstufe des Puritanismus bildet, sondern auch dessen Wurzel. Jetzt haben wir es auch nicht mehr mit einer reinen Antike zu tun: zwar will man unter dem Losungswort ad fontes' über die Gebundenheit durch die katholische Kirche wieder zur wirklichen Antike vordringen, ist jedoch auch seinerseits nicht frei von christlichen Bindungen, ja will im wesentlichen nur Bestätigung seiner Überzeugung in der Antike finden und besitzt diese vielleicht unvollkommener zunächst als das Mittelalter, das sie von Anfang an besessen hat, allerdings als eine durch Verschmelzung oder besser Aufsaugung durch das Christentum spiritualistisch und dualistisch gewordene (vgl. Troeltsch/Kult. d. Geg. S. 254 u. ö.). An dieser Stelle muss betont werden, dass eine bis ins Einzelne gehende Aufdeckung der Spuren antiker Philosopheme in den Anschauungen der Puritaner sowohl wie der Reformatoren, auf die sie aufbauen, nicht in den Rahmen dieser Untersuchung gehört. Zum Ersten waren die Puritaner keine Philosophen, und philosophische Ideen der Antike waren für den Puritanismus als Gesamterscheinung und -richtung in nichts ausschlaggebend.1) Nichts lag den Puritanern ferner, als solchen Gedanken nachzugehen; man findet bei ihnen Berufung auf antike Philosopheme besonders Stoa und Plato weil das christliche Tradition war und weil das humanistische Studium durch Auswahl und Hinweis auf solche Autoren jene Tradition stützen half.) Zum Zweiten, und das ist das wichtigere und bietet für obiges die Erklärung, waren schon im Urchristentum (und nicht erst durch die auf ganz anderes abzielende Verschmelzung seitens der alexandrinischen Gelehrten) gewisse Ideen antiker Philosopheme enthalten. Es ist das nicht eine Verschmelzung, sondern eine Verwandtschaft, die besonders deutlich ist bei der Stoa, insbesondere da, wo, wie bei

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1) Sofern ein Einfluss antiker Philosophie über die im folgenden ausgeführte Norm bei einzelnen hinausreicht, ist darauf verwiesen; vgl. im Miltonkapitel über den Einfluss der Stoa, vgl. dann auch die Ausführungen über den Platonismus (vgl. Anm. 2).

In gewissem Sinne neu ist nur die Intensität der neuplatonischen Studien, auf die im Kapitel Humanismus und Platonismus hingewiesen ist, die auch der englische Humanismus dem aufsteigenden Puritanismus vererbte, wodurch dann in den im puritanischen Bannkreis stehenden Dichtungen eine starke Einwirkung dieser Strömung vorhanden ist.

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Seneca und Epiktet, das göttliche Weltgesetz die Züge einer gütigen Vorsehung und die religiöse Stimmung die Färbung einer persönlichen Gottesgemeinschaft annimmt, und wo dann nach der soziologischen Seite hin die Folgerungen aus diesem Gottesglauben ganz ähnlich denen sind, die Jesus zieht (vgl. Troeltsch/Soziallehren S. 54). So ergab sich ein Zusammengehen von Christentum mit dem Platonismus einerseits und dem religiös gewendeten Stoizismus anderseits. Solches vom Christentum selbst und nicht erst von der Kirche vollzogene Rezipieren antiker Philosopheme erklärt, dass das Christentum in der Reformation und deren englischem Zweig, dem Puritanismus, Grund und Triebkraft zur Vertiefung der Individualität abgab. Deshalb erschien im Kapitel Humanismus die weltliche Renaissance, im Kapitel Milton die antike Stoa nur von sekundärer Bedeutung für den Durchbruch des Individualismus. Ja, wo immer das Gefühl sich aufdrängte, dass ein über diese Grenzen hinausgehender Einfluss antiken Denkens direkt wirksam war, setzte sofort die scharfe Opposition dessen ein, den man als den humanistischsten unter den Reformatoren bezeichnet hat Kalvins. Immer wieder hat man auf die Stelle der Institutio hingewiesen, wo die heidnischen Autoren als bewunderungswürdige Leuchten der Wahrheit gefeiert werden. Sehen wir die Stelle an, sie lautet nach Thomas Nortons Übersetzung (Lond. 1582 f. 81): So oft therefore as we light upon prophane writers, let us be put in mind by that marvellous light of truth that shineth in them, that the wit of man, howmuchsoever it be perverted and fallen from the first integrity, is yet still clothed and garnished with excellent gifts of God. If we consider that the spirit of God is the only fountain of truth, we will neither refuse nor despise the truth itself wheresoever it shall appear Shall we deny that the truth shined to the old lawyers which have set forth civil order and discipline with so great equity?... Shall we say that they had no wit, which by setting in order the art of speech have taught us to speak with reason? . . . What of all the mathematical sciences? But shall we think anything praiseworthy or excellent, which we do not reknowledge to come of God? Let us be ashamed of so great unthankfulness, into which the heathen poets fell not, which confessed that both philosophy and laws and all good arts were the inventions of Gods.' Er verdankt der Antike die Waffen: den Staatsbegriff der vom Willen des Volks geheiligten konstitutionellen Monarchie (vgl. Beyerhaus passim, bes. S. 16), jenen Freiheitsbegriff, den De la Boëtie in Frankreich zuerst formulierte

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und der dann den Appell zu den Waffen sanktionierte (vgl. Armstrong/The Political Theory of the Huguenots, Engl. Hist. Rev. 1889) und der in Du Plessis Vindiciae contra tyrannos (1574 geschr., 79 gedr.) dem der wahren Religion feindlichen König die Rechte absprach und die Empörung gegen ihn zur Pflicht machte das Dogma Miltons und der Puritaner. Er verdankte der Antike die Dialektik und die logische Struktur des intellektuellen Lehrgebäudes, wie es in der Institutio in imponierender Wucht sich äusserte, und in den Schriften der völlig von ihm abhängigen, aber nicht ebenbürtigen englischen Schüler zur Kasuistik verflachte. Aber er hatte nichts übrig für den wirklichen Geist der Antike. Im Gegensatz zu den Autoritätsreligionen des Katholizismus, Luthertums und Anglikanismus, die sich viel besser sowohl mit der antiken wie feudal-seigneuralen Welt abzufinden wussten, war der Kalvinismus unantik, bürgerlich, unkünstlerisch. Ein Wort Bezas, das, wie Doumergue (J. C. p. 207) betont, ganz im Sinne Kalvins lautet: das Studium des Griechischen und Hebräischen sind vorbereitende Dinge der grossen Güte und Barmherzigkeit Gottes für ein grosses Werk, zeigt, wie die oben zitierte Stelle aufzufassen ist, zeigt, wohin der in weitem Mass humanistisch Gebildete, der Meister des Stils, der Butzers (und, so können wir hinzufügen, der englischen Puritaner) Weitschweifigkeit störend empfand, zielte. 'Rien ne lui paraissait plus dangereux plus monstrueux même, que cet accord, dans les mêmes âmes, du credo chrétien, fondé sur l'autorité divine, avec un spiritualisme présomptueux, divers et incertain, d'origine exclusivement humaine. Au fond, la grande querelle engagé par Calvin contre les libertins spirituels' n'est qu'un des épisodes de la lutte qu'il poursuivit toute sa vie et avec une ténacité infatigable en réalité très clairvoyante si l'on se place à un point de vue vraiment chrétien contre les séductions et les charmes de la spéculation antique.' (Lefranc p. 187). Die Scheidung der Begriffe Renaissance und Reformation geschieht in Frankreich wesentlich durch ihn, und gegen die trotz ihres protestantischen Bekenntnisses dem Kult der Antike ergebenen - die Margarete von Navarra, des Périers, Dolet, Jean de la Haye, Pierre du Val, Charles de Ste. Marthe usw. schleudert er die geschickten Invektiven der 'Excuse aux Nicodémites' und 'Petit traicté monstrant que c'est que doit faire un homme fidèle cognoissant la verité de l'evangile, quand il est entre les papistes'. So ist ihm (wie auf der anderen Seite etwa den Jesuiten) der Humanismus zur reinen Technik und Form geworden, der inhalt

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lich nichts zur Gesamtanschauung beiträgt, und wenn auch langsam, so verlor der Kalvinismus doch seine ursprüngliche humanistische Färbung und kam weit ab vom französischen Humanismus, mit dem ihn einst gemeinsame Ziele verbunden hatten. So blieb das Studium des Griechischen, das auch an der Genfer Akademie nach gemeinprotestantischer Tradition gepflegt wurde, fast als einziges äusseres Zeichen der humanistischen Tradition übrig, und das oft wiederholte Urteil, das alles Antike als Gelehrtendomäne vom Literaturverbot des Kalvinismus und Puritanismus nicht betroffen worden sei, ist nur sehr bedingt richtig.1) Je mehr auch die bürgerlichen Massen die Träger der puritanischen Reformation wurden, umso lockerer wird das Verhältnis zur Bildung der Zeit, d, h. im wesentlichen zur Antike.

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Sehen wir, wie die Haltung der Humanisten sich verschärft, indem die Antike immer mehr zur dienenden Rolle herabgedrückt wird. Thomas Adams, äusserst belesen und gelehrt, gibt zwar noch zu, dass es unter den alten Philosophen welche gegeben habe not altogether so bad: for aske Epicurus and Plinie, how the world is gouverned; they will tell you, Caelestia causis naturalibus, inferiora vi stellarum per influentias; but above all these they acknowledged a Deitie. So the Stoicks held etc. (Works p. 1146), ja er wendet sich sogar gegen die Strikteren, die jedes Zitieren aus antiken Autoren beanstanden, und betont, dass er jeden nicht gelehrten Geistlichen als eine Null ansehe. Aber er verwehrt sich dagegen, 'the spoiles of the Gentiles' in unrichtigem Sinne zu verwenden: 'We make not the Pulpit a Philosophy, Logicke, Poetry-Schoole: but all these so many Staires to the Pulpit' (p. 69). Die ganze Antike ist meere Handmaides vnto Diuinitie.' 'Parnassus waits on Sion, Helicon on the fountaine of Grace. Secular learning hath the vse, if it be washed in the sope of the Prophets' (69 Marginalia). Für Baxter existiert dann eigentlich nur mehr diese gewaschene" Antike. Seneca hat er wirklich gelesen und auch Cicero wird freudigst als Stütze seiner Überzeugungen benützt; sonst aber, vielleicht auch durch den von

1) Man könnte sagen, die Beschäftigung mit der Antike ist erlaubt, sofern, was eben manchmal als selbstverständlich gilt, sie aus bestimmtem Gesichtswinkel und zu bestimmtem Zweck verwendet wird. Der Geistliche W. Warburton verteidigt in seiner Shakespeare-Ausgabe 1747 die Beschäftigung mit Poesie und lässt einen Freund den Einwurf machen (Schöffler S. 37): ... withdraw yourself... into the clerical Pale; examine the Records of sacred and profane Antiquity; and, on them, erect a Work to the confusion of Infidelity.'

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