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so kreist das Bewusstsein unaufhörlich um den Gedanken der Sünde : if I look narrowly into the best of what I do now, I still see sin, new sin, mixing itself with the best of what I do (Buny. p. 128). Nichts vermag etwas dagegen, neither mine own, nor all the righteousness of the world', die Sünde ist ein integrierender Bestandteil des Menschentums, denn sie geht zurück auf Adam, der den von Gott den Menschen verliehenen freien Willen missbrauchte, indem er sich in Gegensatz zu Gott setzte. Seitdem ist die Strafe, dass der menschliche Wille nicht übereinstimmt mit dem göttlichen, das menschliche Los. Die Menschheit ist verdammt.

Das einzige Hoffen der Menschenseele gründet sich auf Gottes Gnade, denn Gott hat, durch das Opfer Jesu Christi einzelne Menschen zur unverdienten Gnade erwählt, eine kleine Schar der Erwählten, die von der Sünde befreit sind. Dem von Paulus (Röm. 9 ff.) formulierten Prädestinationsgedanken gab Augustinus die strenge Fassung: die durch den Fall der Engel verletzte Harmonie wird wieder hergestellt, indem in der dem Verderben ausgelieferten Menschheit einige zum Ersatz vorherbestimmt werden. Diese Lehre hatte sich, als mit den Grundgedanken des Katholizismus unverträglich, nicht durchsetzen können. Beim Wiederanklingen in der Reformation ist das praktische Verhalten ausschlaggebend: während Luther dem Gedanken in der Praxis ausweicht, betont ihn der von der Erwählungslehre Butzers herkommende Kalvin. Die Folgenschwere für das ganze Verhalten gegenüber dem Weltgeschehen erhellt schon daraus, dass antiprädestinatianische Gnadenlehre ein Leiden unter der tatsächlichen Beschaffenheit der Welt zumindest befördert, prädestinatianische Gnadenlehre dagegen angesichts der von Gottes Willen gewollten Tatsachen Mut und sittliche Kraft zu verleihen vermag. Die Herausarbeitung dieses Augustinisch-Kalvinischen Prädestinationsgedankens ist nun der Kernpunkt der puritanischen Frömmigkeit und Gottesverehrung. Während aber bei Kalvin das Erkennen der Erwählung unmöglich war, konnten die Puritaner der lebendigen Betätigung zur Ehre Gottes die Gewissheit der Erwählung entnehmen. Der Erwählte wird gewahr, dass sein Wille mit dem Willen Gottes übereinstimmt, dass Gott durch ihn handle. Allerdings der Teufel könnte die Seele täuschen, sie mit einem Trugbild der Versöhnung mit dem Göttlichen foppen. So wird über Kalvin hinausgehend seine Lehre pessimistischer (damit zugleich aber aktiv anspornender) umgebogen. Der Geist der isolierten individuellen Selbstkontrolle ist hineingetragen und eine gesteigerte asketische

Disziplin. Während bei Kalvin der Mensch nicht darüber nachdenken soll, ob er zu den Auserwählten gehört oder nicht, dies schon hybris wäre,1) stellt der Puritanismus dieses Nachdenken als sittliches Gebot auf, als Zentralpunkt des Gottesdienstes: 'I must entreat upon my knees, with all my heart and soul, the Father to reveal him to me' (Buny. p. 129). Go search thy soul, and follow the search close, till you come to a clear discovery. Begin to night, stay not till the next morning. Certainty comes not by length of time, but by the blessing of the Spirit upon wise and faithfull triall. You may linger out thus twenty years and more and be still as uncertain as now you are.' (Baxter/Saints Rest IV/44; vgl. auch ibid. 127 ff.). Der so verstandene Erlösungsgedanke wird zur Qual. Das ganze geistige Leben des Puritaners zergrübelt sich in dem täglich erneuerten Kampf, zu entdecken, ob sein Wille in Übereinstimmung sei mit dem göttlichen Willen. Dieser gequälte Zustand ist wesentlich für den Puritaner: 'the wicked are not troubled sagt Bunyan (p. 144), und die oft zitierte Beschreibung seiner Zweifel und Gewissensqualen (p. 317 u. passim) sind nur die gewohnheitsmässigen Erscheinungen, unter denen sich die führenden Geister des Puritanismus bildeten (vgl. auch Baxter/Rel. Baxt. Lond. 1696. p. 6 ff.). Den erschütternden Zustand des über den Buchstaben der Bibel Hingebeugten, der in seinem Erkennenwollen sich verzehrt, offenbart Bunyans Autobiographie (p. 363). Die Bibelbuchstaben sind ja das einzige, woraus sich erkennen lässt, ob der vermeintliche göttliche Wille im Menschen Teufelstrug oder Wahrheit. Da aber der Buchstabe an sich tot ist und zwischen der Seele und Gott steht, muss der Sinn ergrübelt werden, die Exegese! ist dieser gefunden, dann ist der Weg zum Heil offen (Buny. p. 370), die subjektive Gewissheit des Erwähltseins ist gegeben. Dies Einswerden mit Gott ist nicht nur verstandesmässig, es kann sich im Unterbewusstsein vollziehen und ist dann die Erleuchtung, die Gnade (Buny. p. 207), Werke und heiliger Wandel sind dann Zeichen der Erwählung.

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1) Die häufigen Hinweise der Institutio, die Kontemplation zu pflegen, sollen den Menschen die Erhabenheit Gottes und den weltenfernen Abstand des Menschlichen von Gott vor Augen führen. Er soll im Gefühl seiner Nichtigkeit sich wohl ständig unter einem Alpdruck befinden, aber der Mensch darf mit diesem Gott nicht rechten und hadern. Er hat sich zu fügen in die Lage, in der ihn Gott als Erweis seines Machtwillens so oder so verwendet. Vgl. auch Brief an Bucer. Corp. Ref. 29/883 f. Vgl. Scheibe/Kalvins Prädestinationslehre. Halle 1897 S. 30 u. ö.

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Die rücksichtslose Konsequenz, die ungeheure Intensität, mit der alles in den Dienst dieser einen Idee gestellt wurde, führte zu einem Verhalten dem Leben gegenüber, dass sowohl die englische politische Revolution bedingte, wie auch im englischen Nationalcharakter gewisse Züge bestimmend betonte und verstärkte. Der Zustand, der einem negativen Kampf um die Erkenntnis des göttlichen Willens folgte, liess die Dinge dieser Welt genau so bedeutungslos erscheinen, da sie nun an der Ewigkeit der Verdammnis zu messen waren, und führte zu dem Glauben, auch die niemals des Willens Gottes Teilhaften könnten durch Bekämpfung der Gegner Gottes in seinem Sinne wirken. So trafen sich Erwählte und Nichterwählte im selben Ziel. Dies bestimmte ein eigentümliches Verhalten zur Welt. Das Erwähltseiu musste selbstgerecht machen1) und von da zum Bewusstsein, das auserwählte Volk Gottes zu sein,) ist nur ein Schritt Selbstgerechtigkeit, Überhebung, Nationalismus, Verachtung des anderen, Misstrauen auch dem Nächsten gegenüber sind logische Folgen. Die Konsequenz der Puritaner ist es aber gerade, die unsere Bewunderung herausfordert, keine Menschensatzung hielt sie ab, das als Recht erkannte bis zum letzten durchzuführen. Die Grenzen sind angedeutet: der Massstab ist in das Individium hineinverlegt. Schon Selden (in Table Talk 1689, ed. Arber 1868, p. 103 f.) sagte: 'The Puretan would be judged by the Word of God: If he would speak clearly he means himself, but he is ashamed to say so'. Und so pflegte man bereits im Elisabeth-Zeitalter von Heuchelei zu reden und immer wieder ist der Vorwurf des Cant erhoben worden. Solange wir von solchem Vorurteil befangen sind, ist uns das Wesen des Puritanismus ein für allemal verschlossen. Wir müssen imstande sein, aus Macaulays witziger Formulierung, dass die Puritaner Bärhetzengegner waren, nicht weil sie dem Bär Schmerzen verursachten, sondern weil sie den Zuschauern Freude machten, den Witz zu entfernen. Wir müssen das Lächeln ausschalten können und den naiven Glauben mitfühlen, wenn Bunyans Frau vor den Richtern vor Tränen nicht sprechen kann not so much because they were so hard-headed against me and my husband, but to think what a sad account such poor creatures will have to give at the coming of the Lord, when they shall then answer for all things'. Wir müssen

1) 'If all the Fornicators and Adulterers in England were hanged by the neck till they be dead, John Bunyan, ... would be still alive and well.' (Autob. P. 389).

*) Zunächst als Puritaner (Cromwell), dann als Engländer (Milton).

es durchaus ernst auffassen, wenn Milton sagt: 'God was revealing Himself more fully to His servants, and as His manner is, first to His Englishmen. Von seinem Standpunkt ist der Puritaner berechtigt, ja verpflichtet, so zu sprechen, er fühlte sich eben als Instrument Gottes, nur diese Auffassung rechtfertigte sein Leben. Cromwell 'seldom fought without some text of Scripture to support him'. Man mag diesen Geist Fanatismus nennen oder Enthusiasmus, das kommt auf den Standpunkt an. Cromwells Sache ist Gottes Sache, seine Siege sind bloss für die „Atheisten" keine sicheren Beweise göttlichen Waltens. Eine grandiose Vermischung von Religion und Politik, die den Gang der Geschichte in eine Reihe göttlicher Offenbarungen verwandelt. War man aber überzeugt, dass man im Einverständnis mit Gottes Willen handelte, so hatte man ein Recht, seine eigenen Massstäbe als Gottes Massstäbe zu betrachten.1) Das ganze Heer musste in Cromwell sein Vorbild sehen. Im Einverständnis mit Gottes Willen wies er die Geschöpfe Gottes auf die rechte Bahn gleichviel ob es sich um den Prunk der Prälaten, um öffentliche Theater, um feindliche Armeen oder einen nicht nach Gottes Gesetz regierenden König handelte. So war die Hinrichtung des Königs vom menschlichen Standpunkt vielleicht ein Verbrechen, vom göttlichen sicher eine religiöse Handlung.

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Aus der Abwesenheit des Gefühlsmässigen ergibt sich zweitens die Unmöglichkeit innerlicher Hingabe an die Menschen. Wenn eine Frau so scharfe Worte findet wie: 'Christ's righteousnesse is my righteousnesse, his holinesse is my holines, his innocencie my innocencie, and his blood a full recompence and satisfaction for all my times' (Stubbes' Frau: Christall Glasse; Furniv. p. 206), so besagt das, dass der Einzelne einsam ist, einsam im Staat, in der Gemeinde, in der Familie. Die puritanische Familie, die sich Sonntags nachmittags, wenn die anderen zu den weltlichen Lustbarkeiten, zu Theater, Sport und Tanz um den Maypole sich drängten, in ihrem Heim um den Vater versammelte, der aus der Bibel las und dozierte, ist im Grunde eine durch das Gesetz zusammengehaltene Reihe von sich fremden

1) Eine Grausamkeit wie die folgende (Brief vom 17. Sept. 1649, Oliver Cromwell's Letters and Speeches. . by Th. Carlyle 3 vols. Ld. 1846; H/62) every tenth man of the soldiers (was) killed; and the rest skipped for the Barbadoes' braucht er nicht zu rechtfertigen, denn ‘I am persuaded that this is a righteous judgment of God. Er kann nach einem blutigen Kriegsbericht (Brief vom 15. Sept. 1645; 1/248) sagen 'That all is none other than the work of God. He must be a very Atheist that does not acknowledge it . . . It's their (der Soldaten) honour that God vouchsafes to use them'. Alle haben sie ja das Gefühl: 'he (Gott) will not fail His people' (1/385).

Einzelpersonen, die nur in der Anspannung (der Puritaner kennt keine Erholung, die ein Ausspannen der Kräfte darstellt) — mit der sich Sinn und Geist auf das Wort der Schrift richtet, sich dessen nicht bewusst werden. In solchem Kreise bleiben Freundschaft und Liebe ausgeschaltet:

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... there is no perfect friend...

Till they be dead, that doubt cannot be try'd

It is no wisemans part to weigh a Friend
Without the glosse and goodnesse of his End

(Quarles/Divine Poems, Lond. 1638, p. 202).

Der gemässigte Baxter rät, seinem Nächsten zu misstrauen,1) und zieht eine Vernunftehe der auf Leidenschaft gegründeten vor.") Denn die Stimme des Herzens ist trügerisch: he that trusts his heart is a fool' (Buny. 132). He would bid us take special heed that we took not up any truth upon trust, as from this, or that, or any other man or men' (Buny. 330). Solches Misstrauen erscheint gesteigert, wo es sich um Ausländer handelt,) weil der Puritaner von anderen Nationen Beeinträchtigung seiner Religion fürchtete; und wo es sich um den Verdacht des Katholizismus handelt, erscheint diese Abneigung in barocker Übersteigerung.4)

Auf den ersten Blick erscheint die Puritanerepoche als isolierte Erscheinung in Gegensatz zu allem, was vor und nach ihr liegt. In religiösem Gegensatz zunächst gegenüber den Anglikanern. Wenn wir literarische Typen der Frömmigkeit wie den Puritaner Bunyan einerseits und den Anglikaner G. Herbert anderseits einander gegenüberstellen, so erscheint der Gegensatz im wesentlichen als der Gegensatz Puritanismus-Katholizismus. Bunyan gegenüber macht Herbert einen ganz katholischen Eindruck, die Art schon, wie er die sichtbaren Formen als Hilfen für das geistige Leben in Anspruch nimmt und eine sichtbare Schönheit des Heiligen (Lauds,,Beauty of Holiness") feiert. Für den Anglikaner sind das Sichtbare und das Un

1) Vgl. auch: Baxter/Saints R. III/p. 317 (note): 'I will not trust my Brother if he be once exalted, and in the way of temptation.

2) Über Sexualethik vgl. Weber, Archiv XXI/79 f.

3) Eine grosse Reihe italienischer Klagen unterrichten uns hierüber (vgl. Einstein/The Italian Renaiss. . . . N. Y. 1892, p. 249 ff.). Ein integrierender Zug des englischen Nationalcharakters wurde durch den Puritanismus bestärkt (vgl. auch Brie/Imperial. Ström. 1916, S. 13 f.).

4) as our Papistes, Papists? no, Sorbonists, Sorbonists? no, Atheists, atheists? no, plaine Sathanists do, placing all their religion in hethen garments and Romish raggs' (Stubbes, p. 38).

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