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als die religiöse Denkrichtung lebendig erhalten, die dem pådagogischen System der englischen Humanisten ohnehin innewohnend war.

III.

Renaissanceauffassung der Dichtung.

Wenn in Vorstehendem die Übergänge von humanistischer zu puritanischer Denkweise zu zeigen versucht und ihre Äusserungen in Universitäts- und Schulreformversuchen kurz skizziert wurden, so musste innerhalb des gesteckten Ziels schon öfter auf das Verhältnis zur antiken und zur Renaissancekultur hingedeutet werden. Betrachten wir genauer das Verhalten zum antiken Denken wie es sich in der Dichtung äussert und zur Literatur überhaupt, und die Übergänge, die auch hier Humanismus und Puritanismus verbinden, so müssen wir, gerade um eventuell sich ergebende Differenzen im Rahmen der Zeit beurteilen zu können, -ähnlich wie wir es anlässlich der Untersuchung der Verwendung der klassischen Mythologie taten - uns mit den Auffassungen und Denkarten vertraut machen, die schon Gemeingut der italienischen Renaissance waren, und die teilweise auf die Antike selbst zurückgehen. Denn wir haben uns zu hüten, jedes moralisierende Urteil als puritanischer Denkweise entspringend aufzufassen. Vieles ist Gemeingut der Renaissance. Immerhin, die Rechtfertigung der Dichtung seitens der Renaissancetheoretiker geschah unter klassischen Gesichtspunkten und in Auflehnung gegen das mittelalterliche Erbe. Mittelalterliches Erbe waren die zahllosen romantischen Stoffe der volkstümlichen Literatur, und deren Verwerfung durch einen an der Antike geschulten Sinn für die äussere Form repetierte nur die aus anderen Gründen erfolgte Stellungnahme der Kirche. Mittelalterliches Erbe war aber auch der antiheidnische Geist dieser Kirche, und da diese in der Ablehnung der Dichtung als freischöpferischer Kunst an jenen berühmten Stellen in Plato (die für Mittelalter wie Renaissance von fast verhängnisvollem Einfluss waren) einen Rückhalt hatte, so versuchten die Renaissancetheoretiker diese Einwände zu widerlegen, indem sie Platos Verdikt dahin auffassten, dass nur die schlechten Dichter aus dem Staat auszuschliessen seien und dass die (nicht völlig bestrittene) unmoralische Wirkung der Dichtung die Schuld der Leser, nicht die des Dichters sei. (So Fracastaro, so in England dann auch Sidney.) Langsam fanden dann auch Aristotelische Sätze auf die Dichtung

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Anwendung, allerdings schon infolge der jahrhundertelangen Verzerrung des Aristoteles zum christlichen Autor und zur Stütze der Kirche schüchtern, unklar, entstellt. Die Tradition der kirchlichen Kultur zwang auch rein humanistischem Denken Konzessionen ab; aber auch der spätere Humanismus ist, da es sich um einen mehr wissenschaftlichen als künstlerischen Geist handelt, weit entfernt, die Kunst als Selbstzweck zu begreifen. Dazu bot ja auch die Antike keine Handhabe. Vielmehr lag die Rechtfertigung der Literatur, wie sie schliesslich, in Anlehnung an die Antike, formuliert wurde, auf einem Gebiet, auf dem sich die Vertreter eines christlichasketischen Ideals mit den Humanisten, die ja nie scharf die Gelehrsamkeit von dem frei Schöpferischen zu scheiden wussten, trafen. Das Kriterium, das aus der Antike geholt wurde, ist das von der lehrhaften Absicht der Dichtung und darum kreisen so gut wie alle Poetiken und Kritiker der Renaissance. Das Dogma von den moralischen Zwecken der Dichtung war von den Philosophen der Antike - mit einziger Ausnahme des Ästhetikers Aristoteles worden, und da den Philosophen die Domäne der Dichtungsauslegung vorbehalten blieb, musste dies Dogma als ein von der ganzen Antike, auch von den Dichtern selbst, vertretenes von der Renaissance übernommen werden. Die besonders von der Stoa ausgebauten Theorien wurden in hellenistischer Zeit noch erweitert. Eine Zeit, der Homer zum Problem geworden war, die aus religiösen Gründen einen vermenschlichten Olymp nicht annehmen konnte, suchte durch die allegorische Deutung die Konsequenzen Platos und Epikurs zu umgehen. Damit wurde nun aber erst recht die Dichtung zur Quelle aller Weisheit und Erkenntnis, zu einem Lehrbuch aller Wissenschaften und zum moralischen Führer κατ' ἐξοχήν. Dies spukt in der ganzen Renaissanceauffassung und wird verstärkt durch zwei weniger spekulativ gefasste römische Sätze, die von der Gesamtrenaissance zu Kardinalforderungen erhoben werden. Das ist einmal die Zeile aus Horaz (Ars poet. 333): Aut prodesse volunt aut delectare poetae, und dann noch stärker an mittelalterliche Auffassung erinnernd und auch im Mittelalter schon weidlich ausgenützt durch das Bild von der verzuckerten Pille die Stelle aus Lukrez (De nat. rer. I/936 ff.):

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Aus dieser Grundauffassung folgt, dass die Dichtung eine Nachahmung des Lebens ist, nicht wie es ist, sondern wie es sein soll (Xenophons Cyropaedie) und also prädestiniert ist, Moral zu lehren (Varchi-Sidney), dass ferner der Dichter, der Moral lehrt, selber ein Vorbild sein muss (Minturno-Sidney-Milton-Ronsard-Ben JonsonShaftesbury-Coleridge-Shelley usw.). Aus dieser Anschauung folgt weiter, damit wieder in die hellenistisch-christliche Spekulation einmündend — dass die vorzüglichsten Dichtungen ein Lexikon aller Wissenschaften sind, eine Art Elementarphilosophie als Einführung ins Leben (vgl. Strabo/Geographia Buch I). Die Anschauungen der Italiener übernimmt die englische Renaissance wörtlich: 'Strabo saith Poetrie was the first Philosophie that euer was taught; nor were there euer any writers thereof knowne before Musaeus, Hesiod, and Homer, by whose authoritie Plato, Aristotle, and Galen determine their weightiest controuersies, and confirme their reasons in Philosophie. And what were the songs of Linus, Orpheus, Amphion, Olympus, and that dittie Jôpas sang to his harpe at Dido's banquet, but Naturall and Morall Philosophie, sweetened with the pleasaunce of Numbers, that Rudenesse and Barbarisme might the better taste and digest the lessons of ciuilitie? (Henry Peacham /The Compleat Gentleman 1622 chapt. 10 bei Spingarn/Crit. Ess. I/117). Und da die so ausgedeuteten Dichtungen im wesentlichen Epen waren, in deren Helden man die Darstellung aller Tugenden erblickte, ergibt sich, besonders auch durch das Ansehen Vergils bestimmt, die Anschauung vom heroischen Epos als der höchsten Dichtungsgattung (Minturno-Sidney-Scaliger-Milton usw. Webbe: Epos princely part of poetry).

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Die englischen Humanisten und Theoretiker haben ausnahmslos teil an dem Grundstock der Renaissanceansichten, -urteile und -auffassungen; sie bringen keinerlei neue Gesichtspunkte hinzu. Dagegen findet sich bei der Mehrzahl ein „puritanischer" Zug, puritanisch in dem Sinne, dass bei feinen Intellekten wie Ascham, Sidney, Spenser eine sublimierte Neigung des Geistes aufzuzeigen ist, die nicht essentiell vom Puritanismus verschieden ist und die in Vergröberung zu dem wütenden Theaterangriff der späteren Puritaner wurde. Diese Neigung lässt sie gewisse Punkte der Renaissancekonvention stärker betonen, andere mehr zurückstellen. Sie leiten trotz allem langsam über zum formellen Neoklassizismus, der dann, diesmal nicht von Italien, sondern von Frankreich gestützt, zu Ende des 17. Jahrh. siegt, und der nicht nur infolge des puritanischen politischen Zwischenaktes, sondern zum guten Teil

auch infolge der literarischen Tätigkeit der Puritaner keine Fühlung mehr mit der elisabethanischen Epoche hat. Aus dem Gesagten erhellt schon, dass bei der Betrachtung des Verhaltens der Humanisten zur Literatur von den Strömungen noch keine Rede ist, die dann bei Bacon und Descartes ihren Ausdruck fanden. Die Trennung von Wissenschaft und Religion, dieser Bruch mit mittelalterlicher Gebundenheit, der allerdings bei den englischen Nominalisten bereits klar vorgedeutet war, dieser Drang nach direktem Verkehr mit den Dingen (der sich, wie oben angedeutet, in der Umwälzung der Erziehungslehre äussert [Commenius]), vollzieht sich langsam. Der englische Humanismus kann weder die Naturwissenschaft noch die Literatur losgelöst von christlichen Dogmen betrachten. Die Dichtung an sich erst recht nicht, sie ist 'a part of learning licensed in imagination. Das Studium der klassischen Dichter war ja zunächst auch kein ästhetisches. Es geschah entweder in der Disziplin der „Grammatik“, um die Stilistik zu erlernen, oder in polemischem Interesse, um Stützen für die christliche Religion zu entdecken, oder, wenn es viel war, um allgemeine ethische Lebensregeln zu finden. Im Verfolg dieser Studien war zu Ende des 16. Jahrh. die ganze antike Literatur durchgeackert worden und in solch systematische Analyse aufgebrochen, dass jedes Detail zur Verfügung stand für irgendwelche Kompositionen im Stile der alten Rhetorik (Grammatiken, Rhetoriken, Logikbücher, Phrasensammlungen, Umgangswendungen, Wörterbücher, Sprachschatz, Epigrammsammlungen, Sprichwortsammlungen usw. usw.). Wenn man schrieb, bot sich fast unwillkürlich der antike Gedanke dar, und da die stilistische Nachahmung der als stilistisches Muster anerkannten Antike kein Vorwurf, sondern ein Lob war,1) zögerte man nicht, den antiken oder der Antike nachgebildeten Ausdruck dem eigenen vorzuziehen. Originalität galt nicht als ein Vorzug; was sich nicht mit der antiken Stilistik belegen liess, war zurückzuweisen (vgl. Sidney über Spensers Archaismen), und der Sprachpurismus der Cheke, Ascham, Wilson traf Spenser wie die Dramatiker in der Wurzel ihres künstlerischen Wertes. Wie unkünstlerisch ein Ascham empfinden konnte, enthüllt eine Stelle im Toxophilus in ihrer rationalistischen Auslegung (II, part II p. 106): Ovid showeth that

1) Vgl. die Schriften über die Imitation, z. B. Sturm/De imitatione oratoria, Riccius Lugensis/De imitatione libri tres, Pico / De imitatione libellus (und Bembos Antwort), Aschams Schoolmaster usw. Vgl. Spingarn, Hist. of Lit. Crit. p. 130 ff.

Syringa the nymph, and one of the maidens of Diana, had a bow of this wood (cornus), whereby the poet meaneth, that it was very excellent to make bows of. Danach ist seine Abneigung gegen fiction and rhyme' verständlich, solcher Einstellung konnte eine andere als rationale, didaktische und moralische Wertung der Dichtung gar nicht in den Sinn kommen. Der Sprecher dieses Kreises, Wilson, formuliert es in seiner Arte of Rhetorique (p. 195 f.): 'The Poetes were wisemen, and wished in hart the redresse of things, the which when for feare, they durst not openly rebuke, they did in colours painte them out, and tolde men by shadowes what they should doe in good sooth, or els because the wicked were unworthie to heare the trueth, they spake so that none might understande but those unto whom they please to utter their meaning, and knewe them to be men of honest conuersation." Aschams und seines Kreises Beurteilung der Dichtung ist eine formelle vom Standpunkt der Imitation aus. Er misst zwar nach Horaz und Aristoteles, aber nicht weil er darin für die Poesie wesentliche Gesetze erkennt, sondern weil es Horaz und Aristoteles gesagt haben.1) Ein Homerurteil wie das folgende (III/141): 'Homer who, within the compass of a small argument of one harlot and of one good wife, did utter so much learning in all kind of sciences', das im Hauptsatz Renaissancekonvention gibt, im Nebensatz puritanische Einstellung verrät, erklärt aber auch, dass für eine solche rein formalistische Antike-Auffassung das Problem Antike-Christentum kein schwerwiegendes war, er hing ja nicht am Geist, am Wesen, am dichterischen Wert der Antike. Er fühlte sich wohl, aus Plato und Tullius ein: Beatus ille qui procul . . . als praktische Maxime ableiten zu können (II/23), er freut sich über eine moralische Auslegung wie die, dass die Heilung von Circes Verzauberung (as wise and godly men do judge') in der Meinung des Dichters heisse: that love of honesty and hatred of ill, which David more plainly doth call the fear of God, (is) the only remedy against all enchantments of sin' (III/152). Er belegt das noch durch eine Psalmstelle, und dies Beispiel zeigt, wie friedlich ihm Antike und Christentum nebeneinander laufen. Unbekümmert übersetzt er coì

1),,Nur wenige Dichter unserer Zeit haben diesem Ziele nachgestrebt. Es sind wohl einige Dramen in England geschrieben worden, mehr in Frankreich und Deutschland, auch in Italien; aber ich glaube, dass von ihnen allen kein einziges Stück imstande ist, die Prüfung nach den Regeln des Aristoteles auszuhalten“ (nach Katterfeld S. 34). Das ist der Klassizismus, der dann in Sidneys und Miltons Theorien weiterlebt wenn auch dort schon künstlerisches Interesse mitspricht.

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