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bereitete er durch das Hervorkehren der im christlich-ethischen Sinne verwertbaren Züge antiken Denkens genau so wie seinerzeit die sittliche Reformation der philosophischen Predigt die von ihr berührten Seelen für das Christentum prädisponierte die Reformation vor. Ja dadurch, dass er von vornherein das Christliche als dem Antiken übergeordnet darstellte, machte er sich selbst zum Zweck, das Evangelium in seiner Reinheit wieder herzustellen. Diese dienende Stellung, die der englische Humanismus sich selbst auferlegt hatte, liess den Übergang in puritanisch-kalvinische Reformideen ohne Widerstände vor sich gehen, um so mehr als, wie wir zu zeigen suchten, diese Ideen selbst in mehr oder weniger ausgesprochener Form im englischen Humanismus vorgebildet waren. Das erhellt noch deutlicher aus einer zweiten Erwägung: blicken wir von hier aus auf die Renaissanceeinflüsse zurück, die die englische Literatur in sich aufnahm, so erkennen wir, dass die Stellung des englischen Humanismus wesentlichen Anteil daran hatte, dass die Kulturform der Renaissance in England nicht in derselben Nachhaltigkeit zur Herrschaft gelangte wie in Italien und in Frankreich.1) So wenig wie in sozialpolitischer Beziehung hat die Renaissance in literarischer Beziehung in England einen schroffen Bruch mit der Vergangenheit herbeigeführt; Folgen der Renaissance wie: das Eindringen zahlreicher gelehrter (lateinischer und griechischer) Wörter - die sog. inkhorn terms'- sind von Cheke und Ascham heftig bekämpft worden,

1) In Frankreich hat 1530 mit der Gründung des Collège de France durch Franz I. der Humanismus gesiegt. Die Gegenaktion gegen die Antike kommt mit Kalvin (Institutio 1536, französische Übersetzung 1541). Der Gegensatz zwischen antiker Philosophie und dem Christentum ist unverhüllt ausgesprochen und wird als Angriff formuliert in der Excuse aux Nicodémites 1549 und in dem Traktat De Scandalis 1550. Während dieser Zeit löst sich die Renaissancebewegung von der Reformation; ein weltliches Ideal bildet sich heraus. Das zeigen die Gespräche, die das Heptameron umrahmen, die ein neues Vorbild weltlicher Geistesbildung aufstellen, ebenso wie die petrarkistische Sphäre der Lyoner Geisteskultur und wie Rabelais' abbaye Thélème, in der kein Platz für eine Kirche ist. In der nach 1550 liegenden Epoche sind die Reformationshemmungen au Bedeutung zurückgetreten und die Antike triumphiert. Ronsard und die Pleiade beherrschen die Dichtung, die Philosophie ist von Lefèvre d'Etaples und Erasmus zu Plutarch übergegangen, zu einer Renaissance Epikurs, der Stoa und des Rationalismus (Montaigne). Derart hat sich zu Ende des 16. Jahrhunderts die Renaissance ungleich stärker als in England durchgesetzt und die breite religiöse Reaktion im 17. Jahrhundert konnte schon deshalb nicht dieselben Folgen wie in England zeitigen.

wenn auch eine gewisse Latinisierung (und Gräzisierung) der Syntax durch ihren Studienkreis begreiflich erscheint. Immerhin berührt Aschams englische Prosa im Vergleich zu der Miltons durchaus englisch. Die Humanisten stützten zwar die Alleinherrschaft des gleichtaktigen Versrhythmus durch die Versuche, antike Metren ins Englische einzuführen, wie überhaupt der Sinn für Form, vielleicht das wertvollste Vermächtnis der Renaissance, überall da übernommen wurde, wo nicht wie beim Körperkult ein Paganismus inhärierend war. Immerhin, die schon bei einem Petrarka vorhandene Erkenntnis der Schönheit eines Vergilverses z. B. wird man bei den englischen Humanisten von Colet bis Ascham vergebens suchen. Auch die Vorliebe für die Behandlung antiker Stoffe und die Verwendung der antiken Mythologie fand nur beschränkte humanistische Anerkennung, worauf an anderer Stelle verwiesen ist. Die Entwicklung des volkstümlichen Dramas endlich liegt ausserhalb der humanistischen Sphäre.

II.

Die pädagogische Reform.

Das Erbe, das die Humanisten des 16. Jahrh. dem puritanischen England des 17. Jahrh. vermachten, war vornehmlich ein geistiges. Aber die englischen Humanisten waren keine Träumer, ein gut Teil praktischer Menschenverstand war in ihre Begeisterung für das klassische Altertum gemischt, ebenso wie die unerschütterliche christlichprotestantische Überzeugung. Es wurde schon darauf hingewiesen, dass viele der Humanisten praktische Schulmänner waren (z. B. Grocyn, Lily, Mulcaster, Wilson), andere waren Theoretiker (Elyot, Cheke, Ascham); zudem war das Lehramt, das viele an den Universitäten ausübten, schon bei der Einrichtung der englischen Universitäten mehr zum Erwerben pädagogischer Erfahrungen geeignet, als das mehr wissenschaftlicher Forschung dienende System der Universitäten des Festlandes. Der starke Glaube an Erziehung war ja dem kulturfreudigen Optimismus der Renaissancezeit überhaupt eigentümlich. Zum guten Teil war er auch genährt durch das Mode werdende Studium Platos, aus dem man entnahm, dass die Tugend lehrbar sei, dass wer nach Bildung strebt, der Vollendung näher komme, demnach der Wissende notwendig gut sei. Mit der platonischen Ethik des vous hatte man den moralischen Endzweck, der besonders in Verkoppelung mit religiös gewendeter Einstellung die

neuen Lehrfächer des Griechischen und der ,,Humanity" mit weitreichender Bedeutung erfüllte und einen allgemeinen Aufschwung der Studien veranlasste. Die Erziehungsliteratur nimmt grossen Umfang an; Erasmus' Institutio principis (1516) von seinen an

deren pädagogischen Schriften abgesehen - Elyots Governour (1531), Aschams Schoolmaster (1568), Campions De homine academico (1570), Mulcasters Positions (1581) sind die bekanntesten Beispiele aus einer zahllosen Reihe.1) Die Neuerungen wirkten wie eine Offenbarung, und es ist aus diesem Geist heraus erklärlich, dass die englischen Humanisten in Nacheiferung italienischer Zustände auch die Grenzen der Geschlechter zu überwinden suchten und die wissenschaftlich gebildete Frau zu einem Ideal erhoben. Ascham berichtet immer wieder mit aufrichtiger Freude von den wissenschaftlichen Fortschritten seiner Schülerin, der späteren Königin Elisabeth, der man nachrühmte, dass sie acht Sprachen spreche, darunter das Griechische. Andere gelehrte Frauen waren Countess of Bedford und Countess of Pembroke. Lady Jane Grey galt als ein Wunder der Gelehrsamkeit (vgl. Aschams Briefe passim). Thomas Mores Vorbild durch die Erziehung seiner Töchter hatte Früchte getragen, und Ascham berichtet stolz an seinen Freund Sturm, dass es nun viele Damen in England gebe, die die Töchter des Thomas Morus in allen Zweigen des Wissens überträfen und Elisabeth sei der leuchtendste Stern (4. IV. 1550. Works I/LVII). Trotz alledem sind die italienischen Verhältnisse niemals in weitem Masse auf England übertragen worden; die gelehrte Frau spielte keine die Gesellschaft beherrschende Rolle, und das puritanische England mit seiner Geringschätzung der Frau hatte keine grosse Mühe, sie im 17. Jahrh. wieder völlig zu verdrängen. Auch der Adel hatte nicht in gleicher Weise wie in Italien Anteil an den wissenschaftlichen Bestrebungen. Zwar sind in Nachahmung von Xenophons Geschichtsroman viele Fürstenspiegel geschrieben worden, und von Elyot über Ascham bis zu Milton richten sich die Erziehungsschriften durchwegs an die aristokratische Jugend,*) aber eine Verbürgerlichung ist unverkennbar. Nobilitas

1) In Thomas Mores Treatise uppon these words of the holy Scripture: Memorare novissima et in eternum non peccabis (1522) heisst es in Ergänzung zur Utopia, in der die Vernunft als Mittel zur Tugend hingestellt worden war: Unwissenheit ist die Ursache aller Sünde. Daraus folgt geradezu die platonische Lehrbarkeit der Tugend (vgl. Schröder/Platonismus a. a. O. S. 73).

2) Elyot wollte eine Herrscherkaste erziehen, der königliche Philosoph ist der Herrscher der Utopier. Nur Mulcaster wandte sich gemäss seiner nüchternen Veranlagung gegen den hochgespannten Idealismus, er hat für

in Anglia nunquam magis erat literata, klagt Ascham (I/190), und folglich war das Hauptaugenmerk auf Reformen innerhalb des Universitätsstudiums und der Schulen beschränkt. Von dem Geist, den die Humanisten den Universitäten einimpften, war schon die Rede. Über den Stand der Studien berichtet Ascham um die Mitte des Jahrhunderts folgendes (Jan. 1545 an Erzbischof Cranmer. I/68): Ad sacrarum literarum cognitionem viam affectant plurimi. . . Alii ad quotidianam verbi Dei lectionem . . . ... Linguae passim ab iis discuntur, und die dann aufgeführten Namen sind: Plato, Aristoteles, Cicero, Herodot, Thucydides, Xenophon, Homer, Sophokles, Euripides, Terenz, Vergil. Damit konnte man wohl zufrieden sein, zumal seit der Reform von 1549 (und dann durch die unter Elisabeth) der Stein des Anstosses, die scholastische Theologie, entfernt worden war. Die Methode war jedoch noch altertümlich; in der Tat entsprach der B. A. dem alten Trivium, der M. A. dem Quadrivium, und es war unvermeidlich, dass sich durch Beibehaltung der ausgefahrenen Gleise eine gewisse intellektuelle Trägheit fühlbar machte. Da nun unter Maria wirklich scholastische Studien wieder aufgenommen wurden, und Ascham und nicht er allein die Schuld im „Papismus“ sah, ist es verständlich, dass man in der Folgezeit trotz manchen äusseren Widerstandes weitergehenden Reformen im Sinne eines ausgesprochenen Kalvinismus freundlich gegenüberstand. Dem kam im Laufe des 17. Jahrh. das puritanische Regime entgegen. Schon 1625 hatte das erste Parlament Karls I. die Petition eingebracht, für die restoration of the ancient discipline' Sorge zu tragen, und hatte Klage geführt über the increase of Popery and other abuses both at Oxford and Cambridge'. Auf der Grundlage der puritanischen Visitationen (Cambridge 1644/45, Oxford 1647/48) konnte O. Cromwell, der selbst ein Zögling der Universität Cambridge war, weiter aufbauen. Von lebhafter Teilnahme für wissenschaftliche und pädagogische Bestrebungen erfüllt, beherrschte ihn vom Beginn seiner Regentschaft der Wunsch, dass seine Regierung sich von der vorhergehenden durch Pflege der Wissenschaft und Erziehungsinstitute unterscheiden solle, und seine Errichtung eines Colleges in Durham, für den Norden Englands bestimmt, gab dem

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das Gentleman-Ideal nicht viel übrig, wünscht Bildung, wenn auch nicht gelehrte, möglichst für alle und spricht sich für den Schulzwang aus. Vgl. zur Prinzenerziehung: C. Benndorf/Die engl. Pädagogik im 16. Jh. (Wiener Beiträge zur englischen Philologie XII [1905] S. 7 f.; Zur Bildung der Frauen ibid. 8 ff. und besonders S. 70 ff.).

Ausdruck. Er tat, was in seiner Macht stand zur Belebung der Wissenschaft, bewies sich als Gönner der Gelehrten und trat dem fanatischen Puritanismus des Commonwealth, dem die Universitäten ebenso überflüssig wie schädlich erschienen, entgegen. Das äussere Zeichen dieser Gesinnung war die Annahme des Ehrenamtes eines Kanzlers1) von Oxford im Jahre 1650, welches Amt auch Cambridge in den Bereich seiner Wirksamkeit brachte. Gleich Milton verabscheute er alles, was an scholastische Methoden erinnerte und hielt die Disputationen zur Widerlegung der Papisten für überflüssig, zumal in diese Disputationen wieder der ganze Wust von Autoritäten aus den Kirchenvätern usw. hineinbezogen zu werden pflegte. Gleich Milton wiederum war er der Ansicht, dass die Bibel genüge für die Erkenntnis des wahren Wortes Gottes und folglich für das theologische Studium. Durch die von Cromwell bestimmten Visitatoren (1654) wurde dann auch eine ruhigere und erspriesslichere Tätigkeit an den Universitäten ermöglicht, als es in den Zeiten des Bürgerkriegs der Fall gewesen war. Indessen liessen es die politischen Wirren doch nicht zu entschiedenen Reformen kommen; das den Puritanern am Herzen liegende Ziel, Männer, nicht Gelehrte zu erziehen, der Wunsch, der zugrunde lag, nicht eine Religion der Worte zu lehren, sondern eine Religion, die zur Nacheiferung in Taten und im Lebenswandel (in puritanischem Sinne) führe, scheiterte an dem konventionellen System, das sich nun einmal durch alle Reformen nicht umkrempeln liess. Zudem: die Puritaner überschätzten die Möglichkeit, geistige Entwicklungen nach ihrem Willen zu lenken. Ein 1635 erschienener Traktat über das System der Universitätsstudien enthält einen Vorschlag zur Reform auf Grund Baconscher und utilitaristischer Prinzipien und greift die Universitäten wegen ihres antikisierenden Geistes an (Massons Milton I/232). Damit ist ein Überspringen der puritanischen Epoche im strengen Sinne und auch der puritanischen grösseren Reformpläne angedeutet

Mit grösserer Sicherheit suchten die Puritaner das Schulwesen zu reformieren, um so langsam das Ideal der christianisierten Renais

1) Cromwells Brief an die Universität Oxford (Neal IV/25): If these arguments prevail not, and that I must continue this honour till I can personally serve you, you shall not want my prayers, that piety and learning may flourish among you, and be rendered useful and subservient to that great and glorious kingdom of our Lord Jesus Christ; of the approach of which, so plentiful an effusion of the Holy Spirit upon those hopeful plants among you is one of the best presages.

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