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Als

ls Mabillon nach Vollendung seines grofsen Werkes über die Diplomatik, worin er Nachbildungen der berühmtesten und prächtigsten damals bekannten Lateinischen Handschriften gegeben hatte, in den Jahren 1685 und 1686 seine Reise nach Italien ausführte, sah er in der Vaticanischen Bibliothek eine Handschrift, welche seine besondere Aufmerksamkeit in Anspruch nahm; sie war damals und ist noch heute in der Abtheilung der eigentlichen Vaticana mit der Zahl 3256 bezeichnet.

Sie enthielt zwölf Blätter Pergament in gröfstem Format, Theile eines Virgil, die er seinem Begleiter, dem gelehrten Ruinart, und andern mit dem Ausdrucke der Bewunderung zeigte; denn nie zuvor hatte man ein ganz mit so herrlichen und grofsen Römischen Buchstaben geschriebenes Buch gesehen. Er bestimmte sogleich die Nachbildung einiger Zeilen aus dem 4. Buche der Aeneide als Ergänzung für sein grofses Werk, welche diesem auch nach seinem Tode durch Ruinart im Jahre 1709 mit dem Zeugnifs beigefügt worden ist, dafs sie, wenn irgend je eine, die eleganteste Römische Schrift genannt zu werden verdiene (1). Die beigefügte Abbildung enthält die vier ersten Zeilen eines Blattes, nämlich aus dem 4. Buche der Aeneide die Verse 302-305.

Diesem Zeugnifs des ersten Schriftkenners seiner Zeit, pflichteten die gelehrten Benedictiner, die Herausgeber des Nouveau traité de diplomatique bei, indem sie im 3. Bande (2) ihres umfassenden Werkes die Nachbildung (1) S. 635.

(*) S. 41.

Abhandlungen der philos. -histor. Kl. 1863. Nr. 3.

A

der Schrift wiederholten und in ihr die Zeichen des höchsten Alterthums erkannten. Man sollte denken, dafs eine so hervorragende Handschrift die Aufmerksamkeit der zahlreichen Herausgeber des Virgil auf sich gezogen hätte; das war aber in den seither verflossenen anderthalb Jahrhunderten nicht der Fall.

In unseren Tagen hat der Pariser Schreibkünstler und Nachbildner alter Schriftdenkmäler Herr Silvestre diese Handschrift wieder gesehen und daraus mehrere Zeilen im 2. Bande seines theuren Werkes (1) nachgebildet; nämlich vom ersten Blatte die obersten neun Verse 41-49 des ersten Buches der Georgica. Indem er diese bewundernswürdigen Bruchstücke, denen nichts anderes der Art zu vergleichen sey, darstellt, benachrichtigt er uns zugleich, dafs nach zuverlässigen Zeugnissen über die Geschichte der Vaticanischen Bibliothek, dieser Blätter ursprünglich 14 gewesen, von denen jedoch bei dem Brande der Bibliothek der Druckwerke also am 30. August 1768-, als man die Handschriften retten zu müssen glaubte, das 3. und 4. Blatt verloren gegangen seyen. Diese Angabe mufs, wie wir unten sehen werden, auf einem Mifsverständnifs beruhen.

Über die Herkunft dieser Bruchstücke herrschte früher Ungewissheit; man glaubte sie stammten aus der Bibliothek des berühmten französischen Rechtsgelehrten Peter Pithou und seyen aus solcher in die Vaticana gelangt; und noch Silvestre huldigt dieser Sage, giebt aber zugleich eine Nachricht, welche jener Annahme Mabillon's und Ruinart's zu widersprechen scheint und eine andere Herkunft nachweis't. Nach Silvestre's Angabe, welche durch die neuesten mir zugekommenen Nachrichten bestätigt ist, findet sich nämlich auf der ersten Seite des ersten Blattes die alte Inschrift: CLAVDIVS. PVTEANVS. FVLVIO. VRSINO. D. D. Beide Männer, der französische Rechtsgelehrte Claude Dupuy und der Römer Fulvio Orsini lebten bekanntlich bis gegen das Ende des 16. Jahrhunderts. Der Erstere starb im Jahre 1594, Orsini 1600, die Handschrift ist also vor dem Jahre 1594 aus Frankreich nach Italien gekommen und wenige Jahre darauf mit der ganzen Bibliothek des Fulvio Orsini in die Vaticana gelangt. Dafs sie vor Dupuy der Handschriftensammlung Pithou's angehört habe, der im Jahre 1596 starb, dafür ist mir ein Nachweis nicht bekannt; und

(') Paleographie universelle. T. II. Paris 1841.

da Pithou vor Orsini starb, so kann sie auch nachher nicht in des letzteren Bibliothek gelangt sein, sondern beruhet nun seit etwa 270 Jahren in der Vaticana.

Welche Theile des Textes der Georgica und der Aeneis in den noch übrigen Blättern erhalten waren, blieb unbekannt, bis ich darüber nähere Auskunft aus Rom erbeten hatte.

Die Veranlassung, mich mit diesem Gegenstande zu beschäftigen, war folgende.

Unter den Hunderten von Bücherverzeichnissen, welche uns im Laufe des Jahres zugehen, erhielt ich im verflossenen October einen Auctionskatalog aus dem Haag, nach welchem dort am 1. December die öffentliche Versteigerung einer ausgesuchten älteren Bibliothek Statt finden sollte. Sie gehörte zu dem Nachlafs der Familie van Limborch, namentlich des im Jahre 1685 verstorbenen Fiscal advocaten und General procurators der Domainen von Holland Rem van Limborch, seines im Jahre 1712 verstorbenen Bruders des Professors der Theologie am Remonstranten-Seminar zu Amsterdam Philipp van Limborch, ihres Neffen des 1765 verstorbenen Franz van Limborch, und dessen Enkels Martin van der Cracht, der im Jahre 1807 verschieden ist. Die Sammlung zeichnete sich durch eine Auswahl remonstrantischer Theologie und einen Reichthum niederländischer genealogischer Handschriften aus, unter denen drei Nummern anderen Inhaltes kaum bemerklich waren. Die eine verhiefs einen mir noch unbekannten Brief der Pfälzischen Prinzessin, späteren grofsen Churfürstin Sophia von Hannover, aus ihrem 20. Jahre, die beiden anderen einige Pergamentbruchstücke classischer Schriftsteller, darunter ein Bruchstück Virgil's in grofser Schrift. Ich ertheilte auf diese Nummern mäfsige Aufträge, und hatte vor Kurzem das Vergnügen die erstandenen Gegenstände für die Königliche Bibliothek zu erhalten. Es waren darunter ein Blatt Pergament aus dem 12. Jahrhundert mit einem Stücke des Florus, das 1. Buch der historia naturalis des Plinius aus dem 13. Jahrhundert, aber statt des erwarteten kleinen Uncialblattes des Virgil drei übergrofse doppeltgefaltete Folioblätter von nie gesehener Schönheit und Gröfse der Capitalschrift, welche jetzt vom Staube befreit, entfaltet und in festen Einband gebracht vorliegen. Ein Blick reichte hin, um zu überzeugen, dafs hier drei bisher ganz unbekannt gewesene Blätter derselben gröfsten Handschrift des Virgil her

vortraten, wovon die Vaticanische Bibliothek nun schon so lange zwölf andere besessen haben sollte.

Das Pergament dieser Blätter ist kräftig und fein, und mit Ausnahme solcher Stellen, welche durch Würmer und Jahrhundertlange Verwahrlosung gelitten haben, wohl erhalten, der obere Theil der Vorderseite des dritten Blattes sehr verlegen und abgeschabt, so dafs die alte Schrift nur mangelhaft und mit grofser Anstrengung wiederzuerkennen ist. Zwei grössere rundliche Löcher im zweiten Blatte waren ursprünglich, und schaden dem Texte so wenig als ein ähnliches Loch am Rande des ersten Blattes; das zweite vom Bauche des Thieres genommene Blatt ist dünner als die beiden anderen; die Breite der Blätter jetzt nur zwölf Zoll, hat durch Beschneiden an beiden Seiten gelitten, ohne doch sonderlich der Schrift zu schaden; die Höhe ist 16 Zoll. Die Linien sind mit dem Griffel gezogen, zwei senkrechte an jeder Seite, wovon die inneren den Text begrenzen, die äufseren nicht allenthalben sichtbar sind, besonders da wo der Text weit über die innere Linie hinaustritt. Der Seitenrand ist in Folge des Beschneidens verhältnifsmäfsig kleiner als der obere und untere Rand. Diese messen zusammen 63 Zoll, wovon auf den unteren etwas mehr als auf den oberen fällt.

Die für die wagerechten Linien abgemessenen Stiche sind auf dem dritten Blatte noch sichtbar. Um die möglichste Gleichmässigkeit und Schönheit der Schrift zu erreichen, sind für jede Schriftzeile eine obere und eine untere Linie gezogen, deren ganzen Zwischenraum sie ausfüllt, eine Eigenthümlichkeit, die mir noch in keiner der Tausende von Handschriften, mit denen ich mich beschäftigt habe, vorgekommen ist, und welche schon im voraus auf die Pracht der Schrift schliefsen läfst. Jede Seite enthält daher 40 Linien für die dazwischen laufenden 20 Zeilen für ebensoviele Hexameter. Die Linien sind zum Theil tief einschneidend. Die Höhe der Buchstaben und die Entfernung der Zeilen gleichen einander, und betragen jede fast einen viertel, oder genau eines Zolles, mit Ausnahme des ersten Buchstaben jeder Seite; dieser ist mit Farben und Silber verziert und von 13 bis 11⁄2 Zoll Höhe, also hoch über die andern hervorragend, und von entsprechender Breite. Die Buchstaben laufen in gleichmässiger Gröfse und Entfernung neben einander fort; es giebt weder Worttrennung noch Interpunction. Nur am Ende der Zeilen wenn der Raum für die grofse Schrift des Hexameterschlusses nicht mehr ausreicht, werden kleinere Buchstaben genommen

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und nöthigenfalls mit einander verbunden; es trifft sich so, dafs dann bisweilen 6 bis 7 kleinere Buchstaben aneinander gefügt sind. Die Gestalt der Buchstaben ist Quadrat-Capital, ganz gerade stehend, in ursprünglicher Reinheit, und soweit als möglich von den später bekannten Unzialformen entfernt. Über die obere Zeile ragen nur L und bisweilen F etwas hinaus. Im Texte ist das A stets ohne die Queerlinie, dagegen erscheint es als grofser Anfangsbuchstab beidemal A, B C D G H M N O P Q R S V X Y Z füllen die Quadratform am vollständigsten. Der wagerechte Deckel des T ist eine leicht geschwungene dünne Linie, in solche läuft auch V unten aus, E und F zeigen feine leicht geschwungene Queerstriche und Füfse; auch X Y und Z fehlen nicht; das Y ist sowohl in den Berliner als den Vaticanischen Blättern durchgehends Y, und nur einmal, Mabillon Seite 635, in dem ursprünglich griechischen Worte Thyias auf eine der griechischen näherkommenden Weise bezeichnet:

HYIAS

=

=

Abkürzungszeichen sind sehr selten, in den Zeilen Q' que, B' bus; am Ende der Zeilen in der kleinen Schrift: V = um auch ein feiner Strich mit oder ohne Punkt darunter bisweilen so fein, dafs er nur bei sorgfältigem Nachsehn gefunden wird. Verschlungene Buchstaben: Nnt, d = os, RAHWVR = trahuntur, R = tr, und die Uncialform çg. Die Schrift erscheint mithin als eine prächtige Capital, das schönste auf uns gelangte Erzeugnifs der vollendeten Kunst alt-Römischer Schreiber, wie sie der Zeit des Augustus angehörte und in der Inschrift des Pantheons ihres Gleichen findet. Dafür zeugt, aufser der vollendeten Schönheit der Buchstaben, deren gleichmäfsige Entfernung von einander ohne Worttrennung, das Fehlen der Abkürzungen, mit den unbedeutenden eben erwähnten Ausnahmen, und sie steht in beider Rücksicht auch noch vor dem Berliner Bruchstück des Livius,

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