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sich, meist unerwartet, Hegel's umfassendstes Selbst concentrirte, und nun sein Tiefstes und Bestes aus innerstem Gemüthe eben so anschauungsreich als gedankenklar für die, welche ihn ganz zu fassen befähigt waren, mit unbeschreibbarer Wirkung aussprach. Die Außenseite des Vortrags dagegen blieb nur für solche nicht hinderlich, denen sie durch langes Hören bereits so sehr zur Gewohnheit geworden war, daß sie nur durch Leichtigkeit, Glätte und Eleganz sich würden gestört gefunden haben. Wirst man nun einen Blick auf die nachgeschriebenen Hefte, so fallen mehr oder weniger nur diese hemmenden Aeußerlichkeiten auf, aus denen das erquickende innere Leben entflohen ist. Das Bemühen aus ihnen, selbst mit Aushülfe der lebhafteften eignen Erinnerung den ursprünglichen Vortrag wieder herzustellen, könnte zum Resultate nur immer jenes halbe Mißlingen haben, dem sich auch die geschicktesten Künstler nicht entwinden können, wenn ihnen die unerfüllbare Aufgabe zugemuthet wird, aus der Todtenmaske die lebendigen Portrait-Züge eines Dahingeschiedenen wieder hervorzuzaubern. Aus diesem Grunde war es von Anfang an mein Bestreben, den gegenwärtigen Vorlesungen bei ihrer Durcharbeitung einen buchlichen Charakter und Zusammenhang zu geben, ohne die lebendigere Lässigkeit des mündlichen Vortrags, dem es episodisch abzuschweifen und sich bald eng zusammenzuziehen, bald auszubreiten und in mannichfaltigen Beispielen bequem zu ergehn erlaubt ist, ganz zu zerstören. Denn Lesen und Hören find verschiedene Dinge, und Hegel selbst hat, wie sich aus den Manuscripten ergiebt, nie so geschrieben wie er gesprochen hat. Ich habe mir deshalb häufig eine Veränderung in der Trennung, Verknüpfung und inneren Structur der in den Heften vorgefundenen Säße, Wendungen und Perioden nicht verboten. Mit durchgängiger Treue dagegen bin ich bemüht gewesen, die specifischen Ausdrücke der Gedanken und Anschauungen Hegel's vollständig in ihrer eigensten Färbung wiederzugeben, und das Colorit seiner Diction, welches jedem lebendig sich einprägt, der sich dauernd mit Hegel's Schriften und Vorträgen bekannt gemacht hat, so viel ich es vermochte, beizubehalten. Mein Hauptaugenmerk aber war darauf gerichtet, dem aus so

vielartigem Material mühsam zusammengestellten Tert, so weit es diese Redactions-Weise forderte und das Glück es zuließ, die Seele und innere Lebendigkeit wieder einzuhauchen, welche sich durch Alles hindurchzog, was Hegel sagte und schrieb.

Auf der anderen Seite nun haben entgegengeseßte Stimmen die Forderung geltend gemacht, die Herausgeber hegel'scher Vorlesungen müßten sich die schwierigere Aufgabe stellen, nicht nur die äußeren Mängel zu tilgen, sondern auch den inneren Gebrechen, wo sie sich fänden, Abhülfe zu verschaffen, und deshalb die Gliederung des Ganzen, wenn sie einer wissenschaftlichen Rechtfertigung entbehrte, umzugestalten, dialectische Uebergänge, fehlten fie, einzufügen, Allzuschwieriges zu erleichtern, lose Zusammenhangendes philosophisch fester zu verbinden, die Anführung von Kunstbeispielen zu vermehren, und überhaupt im Einzelnen wie im Allgemeinen darzuthun, was sie selber in dem gleichen Felde zu leisten im Stande wären. Dieser Ansicht habe ich noch weniger beipflichten können. Denn das Publicum hat das unbestreitbare Recht, auch in den nachgelassenen Vorträgen nicht diesen oder jenen Schüler, und gleichgesinnten Mitarbeiter Hegel's, sondern ihn selber mit seinen aus ihm allein entsprungenen Gedanken und Entwickelungen vor sich zu haben. In diesem Sinne würde selbst das Verbessern eine Fälschung und Sünde gegen die Treue und Wahrheit geschichtlicher Documente seyn.

Wie sehr ich nun aber von dieser leßteren Ueberzeugung durchdrungen bin, muß ich dennoch gestehen, derselben in gewissem Sinne im Einzelnen untreu geworden zu seyn. Indem es nämlich, um die vorliegenden Materialien vollständig auszuschöpfen, nothwendig war, einzelne Stellen und Ausführungen bald diesem bald jenem Jahrgange der verschiedenen Vorträge zu entnehmen, ließ es sich nicht vermeiden, hin und wieder außer den sprachlichen Ueberleitungen, kleine sachlich verbindende Mittelglieder selber zu finden und einzuflechten. Auch diese Eigenmächtigkeit würde ich mir nicht erlaubt haben, wenn Hegel nicht wechselnd in den verschiedenen Bearbeitungen jedesmal andere Kapitel vorzugsweise mit Liebe und Ausführlichkeit behandelt hätte. Sollten sie sich

sämmtlich zu ein und demselben Ganzen zusammenschließen, so waren dergleichen Worte und Säße nicht zu entbehren, und so schien mir der Vortheil der Vollständigkeit jenen Mißstand einer bei Nebendingen selbstständig sich einmischenden Redaction bei Weitem zu überwiegen.

Außer den ebenerwähnten Hinzufügungen habe ich es mir gleichfalls zugestanden, auch in solchen Stellen, wo eine gewisse Verwirrung in der äußerlichen Anordnung des Stoffs und seiner Folge sich nur den Zufälligkeiten des mündlichen Vortrags zur Last legen ließ, eine übersichtlichere und klarere Ordnung aufzufinden. Wer auch hierin ein Unrecht sehen will, für den weiß ich zur Sicherstellung nichts als eine dreizehnjährige Vertrautheit mit der hegel'schen Philosophie, einen dauernden freundschaftlichen Umgang mit ihrem Urheber, und eine noch in nichts geschwächte Erinnerung an alle Nüancen feines Vortrags entgegenzuseßen.

Was übrigens in der gegenwärtigen Redaction gelungen seyn mag, was nicht, muß ich dem Urtheile derer überlassen, welche durch die Gunst ähnlicher Umstände zu competenten Richtern darüber berufen sind.

Dem größeren Publicum aber übergebe ich dieß Werk mit dem Wunsche eines vorurtheilfreien Blickes und jenes sich gründlich einarbeitenden Eifers, der allein befähigt, das Seltene und Große, in welcher Gestalt es auch erscheinen mag, zu würdigen und zu genießen.

Berlin, den 26. Juni 1835.

H. G. Hotho.

Inhaltsverzeichniss.

Einleitung.

....

I. Begrenzung der Aesthetik, und Widerlegung einiger Einwürfe gegen
die Philosophie der Kunst ...........
II. Wissenschaftliche Behandlungsarten des Schönen und der Kunst
III. Begriff des Kunstschönen

Eintheilung

19

30

Gewöhnliche Vorstellungen von der Kunst............

33

....

1. Das Kunstwerk als Product menschlicher Thätigkeit ....... ... 34 2. Das Kunstwerk als für den Sinn des Menschen dem Sinn

lichen entnommen..

.....

3. Zweck der Kunst

Historische Deduction des wahren Begriffs der Kunst

1. Die kantische Philosophie ...

2. Schiller, Winckelmann, Schelling.....

3. Die Gronie.

Seite.

3

Erstes Kapitel.

Begriff des Schönen überhaupt.

1. Die Idee.

2. Das Daseyn der Idee.....

3. Die Idee des Schönen

4

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Erster Theil.

Die Idee des Kunstschönen oder das Ideal.

Stellung der Kunst im Verhältniß zur endlichen Wirklichkeit und zur
Religion und Philosophie

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