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das Geschäft der anvertrauten Redaction ebenso erschwert als erleichtert haben.

Die Verpflichtungen solcher Herausgabe lassen sich den Forderungen vergleichen, denen ein treugesinnter Restaurator alter Gemälde Genüge leisten möchte. Sie bestehn auf der einen Seite in der subjectivitätslosesten Versenkung in das überlieferte Werk, und deffen Geist und Darstellungsweise; auf der anderen in der consequentesten Bescheidenheit, welche sich nur das Nothwendige zu ergänzen erlaubt, um das Ursprüngliche, wo es sich findet, durchweg zu schonen, das Hinzugefügte aber, wenn das Glück es vergönnt, überall zu dem angenäherten Werth des Erhaltenen und Aechten harmonisch zu steigern bemüht ist. Mit den gleichen Pflichten theilt nun aber die ähnliche Arbeit leider auch bei ihrem Gelingen das gleiche Schicksal: den Lohn der Belohnungslosigkeit; indem Geduld, Fleiß, Verstand, Sinn und Geist, wo sie am meisten das Ihrige gethan, und das Beste, was zu leisten war, vollbracht haben, nicht nur am meisten verborgen bleiben, sondern gerade auf der Spize ihrer Vollendung durchaus unerkennbar werden, während die Mängel allein, selbst da, wo sie sich dem Bestand der Sache nach nicht umgehen ließen, auch für den ungeübteren Blick offen zu Tage liegen.

Ein solches Loos trifft den Herausgeber der gegenwärtigen Hefte um so unerläßlicher, als er sich der Natur des Geschäfts gemäß bald genug in immer bedeutendere Schwierigkeiten verwickelt fah. Denn es handelte sich nicht etwa darum, ein von Hegel selber ausgearbeitetes Manuscript, oder irgend ein als treu beglaubigtes nachgeschriebenes Heft mit einigen Styl-Veränderungen abdrucken zu lassen, sondern die verschiedenartigsten oft widerstrebenden Materialien zu einem wo möglich abgerundeten Ganzen mit größter Vorsicht und Scheu der Nachbesserung zu verschmelzen. Den sichersten Stoff lieferten hiefür Hegel's eigene Papiere, deren er sich jedesmal bei dem mündlichen Vortrage bediente. Das älteste Heft schreibt sich aus Heidelberg her und trägt die Jahreszahl 1818. Nach, Art der Encyklopädie und späteren RechtsPhilosophie in kurz zusammengedrängte Paragraphen und ausfüh

rende Anmerkungen getheilt, hat es wahrscheinlich zu Dictaten gedient, und mag vielleicht den Hauptzügen nach bereits in Nürnberg zum Zweck des philosophischen Gymnasial-Unterrichts entworsen worden seyn. Nach Berlin berufen muß es Hegel jedoch bei seinen ersten Vorträgen über Aesthetik nicht mehr für genügend erachtet haben, denn schon im October 1820 begann er eine durchgängig neue Umarbeitung, aus welcher das Heft entstanden ist, das von nun an die Grundlage für alle feine späteren Vorlesungen über den gleichen Gegenstand blieb, so daß die wesentlicheren Abänderungen aus den Sommer-Semestern 1823 und 1826, so wie aus dem Winter- Semester 1828 nur auf einzelne Blätter und Bogen aufgeschrieben und als Beilage eingeschoben sind. Der · Zustand dieser verschiedenen Manuscripte ist von der mannichfaltigsten Art; die Einleitungen beginnen mit einer fast durchgängigen stylistischen Ausführung, und auch in dem weiteren Verlauf zeigt sich in einzelnen Abschnitten eine ähnliche Vollständigkeit; der übrige größte Theil dagegen ist entweder in ganz kurzen unzusammenhängenden Sägen, oder meist nur mit einzelnen zerstreuten Wörtern angedeutet, die nur durch Vergleichung der am sorgsamsten nachgeschriebenen Hefte können verständlich werden. Wie sich übrigens Hegel felber auf dem Katheder aus diesen Papieren mit ihren laconischen Kernwörtern und den verwirrend von Jahr zu Jahr gehäuften, bunt durcheinander geschriebenen Randanmerkungen jedesmal mitten im Fluß des Vortrags hat zurecht finden können, ist kaum begreiflich, da selbst der eingeübteste Leser oft weder mit dem Suchen und Finden der Zeichen, die von Oben nach Unten, von der Linken nach der Rechten herüber und hinüber schicken, noch mit dem richtigen Zusammenstellen zu Stande zu kommen vermag. Diese äußere Schwierigkeit jedoch wird durch eine andere innere noch bei Weitem überboten. Von dem lebendigen Interesse nämlich, mit welchem sich Hegel bestrebte, bei jedem neuen Vortrage seinen Gegenstand tiefer zu durchdringen, philosophisch gründlicher einzutheilen, und das Ganze sachgemäßer sich ausbreiten und abrunden zu lassen, oder die früher schon festgestellten Hauptpunkte und einzelnen Nebenseiten durch neue Beleuchtungen in ein immer

flareres Licht zu bringen, von diesem nicht aus einer unzufriedenen Besserungsluft, sondern aus der Vertiefung in den Werth der Sache geschöpften Eifer legen keine anderen Vorlesungen ein deutlicheres Zeugniß ab. Und in der That war auch keine andere Disciplin solch einer, mit stets frischem Blick und verstärkter Kraft der Speculation und erweiterten Uebersicht unternommenen, Umgestaltung bedürftiger als eben die Wissenschaft der Kunst. Die fremden Behandlungsweisen leisteten nur für einzelne Gebiete eine nügliche Hülfe, und bei diesem Mangel an Vorarbeiten konnte auch das früher selber Durchdachte später nur immer als eigene Vorarbeit gelten. Wie erfolgreich nun aber auch diese mehr als zehnjährigen Bemühungen gewesen sind, so möchte ich doch weder behaupten, daß sie sich jener Vollendung erfreut hätten, durch welche sich Hegel bei seiner Logik, Rechts-Philosophie und Geschichte der Philosophie belohnt fah, noch möchte ich, obschon mit dem Grund-Princip einverstanden, die Art der Gliederung des Ganzen, oder jede einzelne Ansicht und Auffassung unterschreiben. In der Kunst machen sich leichter als in anderen Gebieten Jugendeindrücke, subjective Vorliebe und Abneigung geltend. Um desto schwieriger war es daher, aus den verschiedenartigsten Eintheilungen und deren immer erneuten Aenderung, gleichsam im stummen Einverständniß des hegel'schen Geistes selber, die ächte und wahre herauszufinden und als gültig hinzustellen. In dieser Beziehung muß ich mich sogleich nach einer Seite hin verwahren. Es könnte sich leicht ereignen, daß Zuhörer Hegel's, wenn sie die abgedruckten Vorlesungen mit ihren eigenen Heften aus diesem oder jenem Jahr in Vergleich bringen, und nun oft genug einen veränderten Gang und eine bedeutend verschiedene Ausführung finden, sich veranlaßt sähen, diesen Unterschied dem willkührlichen Besserwiffenwollen des Herausgebers aufzubürden. Und doch ist dieser Mangel an Uebereinstimmung nur aus der Uebersicht über das gesammte Material entstanden, welche mir die Pflicht auferlegte, nach innerster Ueberzeugung das Beste, wo ich es fand, jezt aus den früheren, dann aus den späteren Manuscripten herauszusuchen und in Einklang zu bringen. Im Ganzen glaube ich in dieser Rücksicht, daß bei

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Hegel für die fortschreitende Durcharbeitung seiner Vorlesungen über Natur- Philosophie, Psychologie, Aesthetik, Philosophie der Religion und Weltgeschichte, im Allgemeinen der Zeitraum vom Jahre 1823-1827 etwa der an Erfolg gehaltreichste gewesen sey. Früher gleichmäßig mit dem Gedanken wie mit dem empirischen Inhalte ringend, war er in der vollen Macht und Klarheit feiner Speculation in dieser Zeit erst des breit und breiter zusammengehäuften Stoffs, der orientalischen Kunst, Religion und Wissenschaft vornehmlich, immer vollständiger Herr geworden, und die durchsichtige Tiefe des sich dem Begriffe der Sache nach entfaltenden Gedankenganges interessirte ihn noch ganz ebenso, als die lebendig ausfüllende Einreihung seiner reichen und vielseitigen Anschauungen und Kenntnisse. In den späteren Jahren scheint ihn manche bittere Erfahrung zu immer populäreren Darstellungen veranlaßt zu haben, welche zwar ihren eigenthümlichen Zweck erreicht haben mögen, indem sie oft die schwierigsten Punkte mit meisterhafter Deutlichkeit entwickeln, in der Strenge jedoch der wissenschaftlichen Methode merklich nachlassen. Wenn es der Raum erlaubt, hoffe ich dem zunächst erscheinenden zweiten Bande der Aesthetik eine gedrängte Charakteristik und Uebersicht über die verschiedenen Jahrgänge der Vorlesungen, und ihre unterrichtenden Abänderungen, zur Rechtfertigung der von mir auserwählten Gliederung, anfügen zu können.

Der oben angedeutete Zustand nun der hegel'schen Manuscripte machte die Beihülfe sorglich nachgeschriebener Hefte durchaus nothwendig. Beide verhalten sich wie Skizze und Ausführung. Auch in dieser Beziehung kann ich, statt über Mangel an Material Klage zu führen, nur für die gefundene bereitwillige Unterstügung bei dieser Gelegenheit öffentlich meinen besten Dank aussprechen. Der heidelberger Vorlesungen aus dem Jahre 1818 bedurfte ich nicht, da Hegel sich in seinen späteren Manuscripten nur ein oder zwei Mal ausführlicherer Beispiele wegen auf sie bezieht; in dem gleichen Maaße konnte ich der ersten berliner Vorträge im Winter-Semester 183 entbehren. Für die darauf folgenden, wesentlich umgearbeiteten des Jahres 1823 gab mir

ein eigenes in diesem Jahre nachgeschriebenes Heft eine sichere Auskunft. Ein Gleiches besaß ich für die Vorlesungen aus dem Jahre 1826, dem sich jedoch zur nöthigen Vervollständigung das ausführlich nachgeschriebene des Herrn Hauptmann von Griesheim, ein Aehnliches vom Referendarius Herrn M. Wolf, und ein kurz zusammengefaßtes vom Herrn D. Stiegliß anschlossen. Derselbe Reichthum kam mir für die Wintervorträge 1828 zu Statten, für welche mir das ausführliche Heft meines Collegen, des Herrn Licentiaten Bauer, sowie die Hefte des Herrn D. Heimann und Herrn Ludw. Geyer, und die gedrängteren meiner Collegen, des Herrn Professor D. Droysen und Licentiaten Herrn Vatke, in genügendster Weise vor Augen lagen.

Die Hauptschwierigkeit nun bestand in der Ineinanderarbeitung und Verschmelzung dieser mannichfaltigen Materialien. Seit der Herausgabe der hegel'schen Vorlesungen über Religionsphilosophie und Geschichte der Philosophie waren in dieser Hinsicht bereits ganz entgegengesezte Anforderungen laut geworden. Auf der einen Seite hieß es, das Zweckmäßigste sey, den wirklichen mündlichen Vortrag, so viel als irgend möglich, beizubehalten, und denselben nur etwa von den auffallendsten stylistischen Unebenheiten, von den häufigen Wiederholungen und sonstigen kleinen Mängeln zn befreien. Ich habe diese Ansicht nicht zu der meinigen machen können. Wer dem eigenthümlichen Vortrage Hegel's längere Zeit mit Einsicht und Liebe gefolgt ist, wird als die Vorzüge desselben, außer der Macht und Fülle der Gedanken, hauptsächlich die unsichtbar durch das Ganze hindurchleuchtende Wärme, sowie die Gegenwärtigkeit der augenblicklichen Reproduction anerkennen, aus welcher sich die schärfsten Unterschiede und vollsten Wiedervermittlungen, die grandiosesten Anschauungen, die reichsten Einzelnheiten und weitesten Uebersichten gleichsam im lauten Selbstgespräch des sich in sich und seine Wahrheit vertiefenden Geistes erzeugten, und zu den kernigsten, in ihrer Gewöhnlichkeit immer doch neuen, in ihren Absonderlichkeiten immer doch ehrwürdigen und alterthümlichen Worten verkörperten. Am wunderbarsten aber waren jene erschütternd zündenden Blize des Genius, zu denen

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